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Interview: Im Gespräch mit Elias Wessel

Wir trafen uns im letzten Jahr mit Elias Wessel zum Interview. Elias arbeitet weltweit als Modefotograf und lebt in New York City. Für die BLICKFANG-Ausgabe 2012/2013 stand er uns Rede und Antwort, das komplette Interview zeigen wir euch nun auch hier.

In Deutschland studierte Elias Kunstgeschichte, Visuelle Kommunikation und Fotografie. Schon während seines Studiums arbeitete er für diverse renommierte Fotografen, Studios, Werbeagenturen und Designbüros. Zur Fotografie gelangte er über seine Aktivitäten als Streetartkünstler und seine Auseinandersetzung mit der modernen Malerei. Elias bringt in seinen Arbeiten Kunst- und Modefotografie in Einklang. Seine Bilder zeichnen sich aus durch einen Mix aus Stilisierung, magischem Realismus und farblicher Intensität.

Elias, wie bist Du überhaupt zur Fotografie gekommen und was zeigt Dein erstes Bild, dass für Dich von Bedeutung war?
Ich war in Anna verliebt. Und als Anna, in der 10. oder 11. Klasse, nach London auswanderte, haben wir uns Briefe geschrieben. Damals war ich mit einer Gruppe von Freunden als Streetartist aktiv, zeichnete und malte, ging in Galerien und Museen. Um Anna ganz besonders schöne Briefe zu schicken, fing ich an Bilder aus Katalogen und Magazinen als Briefumschlag zu nutzen. Neben all den Malern wie Polke, Matisse und Dix, entdeckte ich Fotografien von Nick Knight, Gui Bourdin oder die Coverstory von David LaChapelle mit Naomi Campbell im Playboy 1999. So war ich immer auf der Suche nach neuen Bildern die mir ein Gefühl geben konnten, das ich nur mit jemandem ganz Besonderen teilen wollte. Fasziniert davon fing ich an Kunstgeschichte, dann visuelle Kommunikation und später Fotografie und Wahrnehmungstheorie zu studieren. Hauptsächlich arbeitete ich immer an eigenen Projekten und nebenbei als Freelancer in Designbüros, Werbeagenturen und für viele Fotografen und Studios in Hamburg, Paris und New York. Anna ist jetzt glücklich in Singapur verheiratet und ich bin glücklich in New York. Wir schreiben uns immer noch. Nur mache ich jetzt meine eigenen Bilder.



Deine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Fashion und Beauty. Weshalb bzw. welchen Reiz üben diese Bereiche auf Dich aus?
Was mich zur Modefotografie gebracht hat ist letztendlich nicht die Mode. Ich sehe Mode als ein Instrument Dinge zu kommunizieren, ein Dekor eines Bildes. Mir geht es vielmehr um das Bild selbst. Ich sehe Mode als Vokabular eines Fotos und kreiere gerne Bilder die sprechen.

Was zeichnet Deiner Meinung nach ein herausragendes Foto aus?
Ein Foto, durch das ich eine neue Sicht auf die Welt erfahren kann.

Spielt der Zufall bei Deinen Arbeiten eine Rolle oder ist alles geplant?
Das hat etwas mit der Absicht des Bildes zu tun. Alles muss entsprechend perfekt vorbereitet sein – für das Bild und den Moment – welchen man dafür kreieren will. Wenn du Schönheit willst, dann muss es Schönheit geben. Wenn du eine Geschichte erzählen willst, muss es eine Geschichte geben. Und wenn du Zufall willst, dann muss es Zufall geben! Du kannst kein Foto von etwas machen, dass es nicht gibt. Es kann wirklich sehr bereichernd sein, Unerwartetes in den Entstehungsprozess mit einzubeziehen, aber Du kannst Dich nie auf den Zufall verlassen.

Was inspiriert Dich?
Das Leben. Dinge die ich bis jetzt gesehen und erlebt habe. Träume, aus einem Fenster sehen, ein Hotelzimmer, ein Museum, Gefühle, die Gerüchteküche, Dinge die mich überraschen und die mir Gänsehaut machen. Alles und jeden, den ich gerne ansehe oder dem ich gern zuhöre. Ein wundervolles Lied, das ich drei Tage am Stück höre oder einfach ein weißes Blatt Papier, bei dem ich mir vorstellen kann was ich gerne darauf sehen möchte.

Wie empfindest Du die technische Entwicklung in den letzten Jahren?
Wundervoll daran finde ich die neuen gestalterischen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Aber wissen neue Fotografen wie Polaroids und analoge Prints ausgesehen haben? Ich bin sehr dankbar noch zur Zeit der analogen Fotografie angefangen zu haben. Sie spielt für mich zwar keine unmittelbare Rolle mehr, aber vieles habe ich beibehalten. Ich glaube, viele verpassen heute aufgrund der immer voranschreitenden Technik etwas ganz Wichtiges: Sensibilität, Verständnis, Bewusstsein und Gefühl. All das kann man in den Arbeiten guter Fotografen spüren und das hauchst du keinem Bild durch Technik ein. Dazu brauchst du Persönlichkeit. Das ist das Einzige was dich unterscheidet und unersetzlich macht.



Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Ich arbeite immer an freien Projekten! Dabei geht es für mich darum eine eigene Sprache zu formulieren, weiterzuentwickeln oder zu vervollkommnen. Eine neue Sicht auf Dinge zu gewinnen. Das ist zunächst ein innerer Prozess, der sehr viel mit Psychologie und einem selbst zu tun hat. Und da ich ja eine sehr persönliche Sicht auf die Welt habe, riskiere ich in dem Moment der Entwicklung auch „nicht Erfolg“ zu haben. Über zukünftige Projekte spreche ich nicht gerne. Nicht um ein Geheimnis daraus zu machen, aber intensiv in der Öffentlichkeit darüber zu diskutieren, nimmt mir letztendlich das Verlangen sie umzusetzen.

Im Laufe der Zeit hast Du bereits etliche Projekte und Jobs realisiert. Gibt es Arbeiten, auf die Du besonders stolz bist oder mit denen Du ganz besondere Erinnerungen verbindest? Falls ja, welche und weshalb?
Vor über 10 Jahren habe ich mein erstes Gemälde auf einer Ausstellung, die meine Schwester und ich organisiert haben, verkauft. 10 Jahre später hat ein Sammler eines meiner Fotos für den 10-fachen Preis erworben. Menschen sind mehr als 10 Stunden gereist, um zu meiner „Falling In Love“ Ausstellung in Deutschland zu kommen. Betsey Johnson hat ihr Portrait von mir in ihrem New Yorker Showroom aufgehängt. Aaron Basha hat ein Bild aus einer Coverstory für eine internationale Kampagne genutzt, die unter anderem in der italienischen Vogue und dem W Magazine geschaltet wurde. Für mein freies Projekt „Falling Up“ haben mir über tausend Leute geschrieben wie sehr es Ihnen gefällt. Ich habe Menschen gesehen, die ein Foto von meinem Foto gemacht haben, das hier im Four Seasons hing. Lydia Hearst schrieb in ihrem Tagebuch über unsere wundervolle Zusammenarbeit und die Strecke wurde von nicht gerade unbedeutenden Leuten aufgegriffen und kopiert. Amanda Lepore hat, außer David LaChapelle, noch niemand vor drei Uhr Mittag ans Set bekommen und für unser freies Projekt war sie schon morgens um sieben da. Ich habe eines meiner Bilder einem sehr guten Freund geschenkt, bevor ich nach New York gezogen bin, und es hängt heute noch in seinem Apartment. Ihr macht ein Interview mit mir… Wie auch immer es aussehen mag: Höhepunkte meiner Karriere sind, wenn ich spüre, dass jemand meine Arbeit wirklich liebt.

Du lebst und arbeitest seit einigen Jahren in New York. Weshalb und was schätzst Du an der Stadt privat und beruflich?
New York ist all das, was du willst was es ist. Für mich ist New York wie ein riesiger Abenteuerspielplatz von dem jedes Kind nur träumen kann. Es gibt hier einfach alles! Die tollsten Spielsachen und Voraussetzungen um dich auszutoben, neues zu erleben und weiterzuentwickeln. Es kommen unendlich viele spannende Menschen von überall aus der Welt hierher und sind Teil des Ganzen. Es macht einen großen Unterschied, ob du einfach mal ein paar Monate hierher kommst oder wirklich über Jahre hier lebst. Es ist eine schnelle Stadt. Eine Stadt die sich fast täglich verändert und daher musst du dich ständig wieder neu erfinden. Und ob du willst oder nicht: Du kannst hier nicht stehen bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.eliaswessel.com
   Facebook-Seite Elias Wessel
   zum Onlineprofil
 

1 Kommentar

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  1. Michael Hoeldke

    Seine Bemerkungen über die analoge Welt sollte man sehr ernst nehmen. Ein Film mit 36 oder auch nur 12 und immer die Drohung der Nichtwiederholbarkeit…wenn man das macht, werden auch die Digitalfotos besser. Man gibt sich einfach mehr Mühe. Kollateralnutzen!

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