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Interview: Im Gespräch mit Sven Jacobsen

Mit Sven Jacobsen im Gespräch. Im Rahmen der BLICKFANG 2012/2013-Ausgabe stand uns Sven im letzten Jahr Rede und Antwort. Das Interview präsentieren wir euch nun auch an dieser Stelle.

Seit 1999 ist Sven als freier Fotograf für namhafte nationale und internationale Agenturen und Magazine wie Geo, SZ Magazin, Stern, Rolling Stone Magazine oder The Guardian Magazine tätig. Seine Arbeiten wurden mit dem John Kobal Award und dem Reinhart Wolf Preis ausgezeichnet und in diversen Ausstellungen gezeigt, u.a. in der National Portrait Gallery London.

Sven, wie bist Du eigentlich zur Fotografie gekommen?
Ich bin über Umwege zur Fotografie gekommen. In der frühen Jugend habe ich zwar schon Schwarz-Weiß fotografiert und auch selbst im Keller entwickelt etc., aber damals habe ich die große Leidenschaft noch nicht erkannt. Später habe ich dann Architektur studiert und erst kurz vor dem Diplom wusste ich, dass dieser Job in der Praxis nichts für mich ist. Dann habe ich wieder zur Fotografie gewechselt, dieses Mal professionell. Seitdem ist es meine Leidenschaft und sie wächst eigentlich ständig, natürlich mit Höhen und Tiefen.


Deine Schwerpunkte liegen in den Bereichen People und Fashion. Gibt es dafür spezielle Gründe bzw. welchen Reiz üben diese Bereiche auf Dich aus?
Die Peoplefotografie ist ein Bereich, in dem ich Emotionalität einfach am besten ausdrücken kann. Im Fashionbereich ist es fast ähnlich, nur nicht ganz so „ehrlich“. Ich suche hier nicht nach Schönheit oder Perfektion, im Gegenteil − der Reiz oder die Ausdruckskraft der Bilder liegt für mich oft in den „Fehlern“, im „Rohen“, im „Spontanen“. Es macht mir wahnsinnig Spaß diese „magischen Momente“, in denen ein wirklich gutes Foto entsteht, zu suchen, zu finden oder sie herbeizuführen. Ich vertraue dabei ausschließlich auf Intuition, auf das Erleben meines Sehens und Fühlens. Ob dies Locations, Styling, Beleuchtung oder sonstige Bestandteile sind. Alles wird spontan entschieden, so wie es die Situation und die zu fotografierenden Personen vorgeben. Nie wird ein Bildergebnis erzwungen.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Emotional, authentisch, einfach, spontan, klassisch.

Was zeichnet Deiner Meinung nach ein herausragendes Foto aus?
Dass es den Betrachter auf irgendeine Art emotional berührt oder bewegt. Das ist natürlich sehr subjektiv und je mehr man sich mit Fotografie beschäftigt, umso spezieller und subjektiver werden die Ansprüche an ein gutes Bild.

Spielt der Zufall bei Deinen Arbeiten eine großeRolle oder ist vieles geplant?
Ja, der Zufall spielt immer eine große Rolle, wenn man es denn Zufall nennen will. Auch bei der besten Planung passieren Dinge, die nicht vorhersehbar sind, die aber oft sehr zuträglich für ein gutes Bild sind. Für diese Momente muss man wach und offen sein und sie einfach mitnehmen und sich freuen. Meine Arbeiten entstehen also nicht im Kopf oder durch lang anlaufende Planungen, sondern mehr durch ein Erleben des Moments während des Shootings.



Wie empfindest Du die technische Entwicklung in den letzten Jahren?
Die Vorteile der digitalen Fotografie liegen in der Arbeitsweise in der man heutzutage Bilder schafft. Man kommt etwas schneller und präziser zum Ziel. Genau darin liegen aber auch die Nachteile: Ich empfinde die heutige Schnelllebigkeit anstrengend und oberflächig. Sofortige Bildauswahlen und Abgaben ohne Distanz zu den Ergebnissen zu haben erfordern viel Erfahrung und Sicherheit. Nicht immer ist man dafür bereit. Ein weiterer Nachteil liegt in meinen Augen in der wahnsinnigen Bilderflut, die durch dieses Medium zusammen mit dem Internet entsteht. Das „Besondere“, „Wertige“ geht mir zu sehr verloren. Alles ist in Massen und in Sekunden zu finden und genauso schnell wird es auch wieder ausgetauscht. Für ein gutes Bild spielt es allerdings keine wesentliche Rolle auf welchem Material es entsteht.

Inwieweit ist das Thema „Bewegtbild“ für Dich interessant?
Es ist für mich eine logische Weiterentwicklung der Fotografie. Irgendwann fing es an, dass ich anstatt Bildideen „Szenen“ im Kopf hatte, in denen sich Geschichten oder nur Stimmungen abspielten. Es macht mir wahnsinnig Spaß diese dann auch im Film umzusetzen. Allerdings bleiben es zwei verschieden Welten: Im Film eine Geschichte zu erzählen oder eine Stimmung zu erzeugen unterliegt oft anderen Gesetzen als in der Fotografie. Zum Beispiel sind Entscheidungen zu der Zeit und Musik wahnsinnig wichtig.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Freie Arbeiten sind für mich sehr wichtig. Ich habe einen außerordentlichen Hang zum Individualismus und eine ausgeprägte Freiheitsliebe und diese beiden „Zwänge“ erfüllen sich hier. Ich kann mich ausleben, vollkommen treiben lassen und komme schnell und frei an ein tiefes befriedigendes Gefühl. In den Auftragsarbeiten versuche ich auch immer dieses Gefühl zu erreichen. Hier ist es jedoch oft mit vielen fremdbestimmten Faktoren verbunden. Mein aktuellstes Projekt „back to mama“ ist ein sehr emotionaler Bildband über ein Gefühl der Zerrissenheit zwischen Familie und Einsamkeit, zwischen gelebter und stiller Liebe. Dieses Thema lässt sich aber auch generell ausweiten: Es beschreibt den Wunsch nach Glück an den einfachen Dingen, nach mehr Bewusstsein. Es ist auch der radikale Anspruch die Liebe zur Wahrheit, Schönheit und zum Guten zu bewahren. Ich versuche in einer übertechnisierten, kalten und berechnenden Zeit Seele und Emotionen zu finden und sie in Bildern festzuhalten. Der Titel ist vielfältig und für jeden anders zu interpretieren. Für mich bedeutet er zurück zum einfachen, zum wesentlichen im Leben.


Im Laufe der Zeit hast Du inzwischen etliche Projekte und Jobs realisiert. Sind dabei Arbeiten entstanden, auf die Du besonders stolz bist oder mit denen Du ganz besondere Erinnerungen verbindest? Falls ja, welche?
Ich freue mich über meine eigene Entwicklung, die man gut an den Bildern erkennen kann. Stell Dir einen Maler vor, der über fast 15 Jahre verschiedenste Techniken ausprobiert hat … irgendwann kommt er zurück zum Bleistift und weiß, dass er mit ihm auf weißem Papier mehr Wirkung erzielen kann, als mit allen Techniken zuvor. Ich habe quasi wieder den Weg zurück zur „einfachen“ Fotografie gefunden, in der Lichtsetzung und Farben etc. zweitrangige Rollen spielen. Entscheidend sind die Emotionen und das „Echte“, die ein Bild tragen und es für mich persönlich stark machen. Alles konzentriert sich nur noch auf wenige aber sehr wichtige Punkte, alles Überflüssige fällt weg. Dieses Gefühl ist wunderbar und gibt mir eine große Sicherheit und Vertrauen im erstellen und beurteilen von Bildwirkungen.

Was macht für Dich die Arbeit als Fotograf aus? Was schätzst Du an Deiner Tätigkeit und auf welchen Part könntest Du auch gerne verzichten?
Mich fasziniert die Komplexität in der Fotografie. Es ist für mich keine Arbeit, sondern ein Teil des Lebens. Ich sehe ständig Bilder, Szenen, Ideen, Eindrücke und versuche es in meiner Arbeit in guten Bildern zu konzentrieren. Diesen gesamten Prozess schätze ich, denn er macht nicht nur Spaß, sondern befriedigt mich total.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.svenjacobsen.com
   www.schierke.com
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  1. browserFruits Februar #1 - kwerfeldein - Fotografie Magazin

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