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Interview: Im Gespräch mit Meike Kenn

Meike Kenn ist in NRW geboren und nach verschiedenen Stationen, 2000 in Berlin gelandet. Sie ist in einer großen Patchworkfamilie aufgewachsen, hat heute selber eine und fühlt sich deshalb sehr zu Menschen in ihrem ganzen schillernden Spektrum hingezogen. Nachvollziehbar, dass sie die Bereiche People, Portrait und Fashion abdeckt. Für den 11. BLICKFANG-Band (2019/2020) stand sie uns im Interview Rede und Antwort.

Was hat Dich dazu bewogen Fotografin zu werden und wie sah Dein Start in den Beruf genau aus? Hast Du eine Fotografen-Ausbildung und evtl. Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Es fing alles mit dieser Pocket-Kamera an, die ich zum sechsten Geburtstag bekam. Es war sehr faszinierend, die Entscheidungsgewalt über den Ausschnitt zu haben. Ich habe auch damals schon sehr gerne Menschen fotografiert, aber Leute, die ich nicht so gerne mochte, konnte ich einfach weglassen oder irgendwie blöd anschneiden. Das war lustig und mächtig. Ich habe dann trotzdem zuerst in Richtung Journalismus studiert, bin aber nach dem Grundstudium Germanistik bei einem Fashion- und Portraitfotografen in Köln gelandet, dessen Dunkelkammer ich benutzen durfte. Das hat mich eine Weile sehr beschäftigt. Ein Jahr später wurde ich dann an der Lette-Schule in Berlin angenommen. Meine langjährige Assistenz währenddessen bei Joachim Gern, hat mich bildsprachlich sicher damals sehr geprägt. Noch mehr aber die Meisterklasse bei Arno Fischer an der Ostkreuzschule.

Was war Dein erster bezahlter Fotojob?
Ich bin direkt nach meinem Abschluss an der Lette über ein paar Ecken von der BUNTE beauftragt worden, ganz exklusiv die Hochzeit von einem Promi-Paar zu fotografieren. Ich war damals immer noch mehr analog unterwegs und im digitalen noch nicht 100% angekommen. Nicht unbedingt meine schönste Erinnerung.

Deine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Portrait, People und Fashion. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
In der Portrait-Arbeit ist es natürlich die Begegnung. Gerade arbeite ich mit der Kuratorin Barbara Green an einem Buchprojekt – wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und untersuchen die Diversität dieser Orte. Da erlebt man schon sehr tolle, abwegige, skurille und bewegende Dinge. Das treibt mich an und macht mich glücklich. In der Mode gehe ich vor allem Kooperationen mit nachhaltig arbeitenden Lables ein, die auf dem Markt ja glücklicherweise immer wichtiger und sichtbarer werden. Ich habe hier viele Freiheiten, das ist ein Geschenk.



Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Ich suche den Moment dazwischen. Mit Aufsteckblitz, feinem Tageslicht, schnell, laut, hart, ruhig, leise. Ein weites Feld …

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Da sind sehr viele Ideen, aber eine Sache lässt mich nicht los und schiebt sich immer wieder rein. Ob man es als absolutes Traumprojekt bezeichnen kann, weiß ich allerdings nicht so genau. Ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass es in China aufgrund der Ein-Kind-Politik aus der Vergangenheit viel zu viele Männer gibt, die nun keine Frauen abkriegen. Dem würde ich gerne mal auf den Grund gehen.

Gibt es einige Fotografen-KollegenInnen aus Deutschland, deren Arbeiten Du besonders schätzst?
Viele! Aber Herlinde Kölbl verehre ich wirklich sehr!

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Im besten Fall natürlich, dass man es erinnert. Aber es gibt auch Bilder, die nur für den Moment eine große Kraft entfalten. Sei es aufgrund der Farben, der Komposition, der Emotion. Ich denke da gerade an eine Modestrecke von einer Kollegin, die in Los Angeles entstanden ist. Stark! Auch wenn das in der Masse der tollen aber eher oberflächlichen Fashionbilder vielleicht weniger stabil im Hirn bleibt, als die Soldaten von Frau Kölbl. Wobei es in der Mode selbstverständlich auch ikonographische Bilder gibt.

Wer oder was inspiriert Dich?
Lustige und selbstbewusste Menschen, Filme, Musik, Bilder natürlich. Meine 13-jährige Tochter, die zu den lustigen und selbstbewussten Menschen gehört.

Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Eben jene Pocketkamera, eine Agfa Agfamatic muss das gewesen sein. Heute mit einem Canon-System, für freie Projekte manchmal analog mit der Sinar oder der Mamiya RB 67.




Wie bereitest Du Dich auf ein bevorstehendes Shooting vor?
Zuhören, sprechen, Moods finden, Inspiration suchen, abgesehen vom organisatorischen natürlich.

Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für Dich?
Im Vergleich sicherlich einen eher geringen. Ich mache das meistens selbst.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Ein roter Faden in meinen freien Projekten ist sicher im übergeordneten Sinne das Gender-Thema. Ob ich mich nun selbst in verschiedene Männertypen verwandeln lasse oder wie in meiner aktuellen Serie „on display“ nackte Männer zeige, um den vielen nackten Frauen mal was entgegenzusetzen. Natürlich passiert dann im Prozess ganz viel und auf einmal merke ich, dass die Männer oft feminin posen und etwas ganz zartes kriegen. Das ist sehr spannend und ich lerne jedes Mal wieder etwas neues. Mir ist es wichtig, alles erstmal nicht zu ernst zu nehmen, dann können tolle Dinge passieren.

Was ist ausschlaggebend, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein?
Präsenz, Ausdauer, Humor. Talent natürlich! Und Glück und …

Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich besonders stolz? Oder vielleicht einfacher gefragt: Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder sehr gerne an?
Ich freue mich immer wieder, wenn ich sehe, dass ich einen Prozess durchlaufen habe, dass Entwicklung stattgefunden hat. Und manchmal bin ich auch ganz überrascht, wenn ich zufällig alte Sachen im Archiv finde, die richtig toll sind und mich erinnern, dort vielleicht nochmal anzuknüpfen.





Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Das sind Orte aus Büchern. Gerade habe ich den neuen Roman von Juli Zeh gelesen. Ein ziemlich beklemmendes Familiendrama, aber der Ort des Geschehens ist ein kleines Kaff oder eher ein Haus auf Lanzarote und erstmal das pure Idyll. Es ist so gut beschrieben, dass ich davon überzeugt bin, dass es dort genauso aussehen würde, wie ich mir das vorstelle. :)

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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