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Neues Interview: Im Gespräch mit Lina Grün

Lina Grün lebt und fotografiert in Berlin. Oder woanders. Aber egal wo sie lebt und fotografiert, sucht sie dort nach dem Besonderen im Banalen, oder umgekehrt. Auf ihren Fotos geht es um Lifestyle, People, Kinder oder Autos, und irgendwas ist meistens anders, als man es gewohnt ist. Sie wird von Solar vertreten und telefoniert sehr viel. Im Rahmen der BLICKFANG-Ausgabe 2019/2020 (Band 11) konnten wir ihr einige Fragen stellen.

Was hat Dich dazu bewogen Fotografin zu werden und wie sah Dein Start in den Beruf genau aus? Hast Du eine Fotografen-Ausbildung und evtl. Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Ich komme aus einer Familie, die überall Kameras rumliegen hatte, und im Keller war eine Dunkelkammer. Ich durfte dort experimentieren. Wir hatten riesige Rollen Fotopapier und ich habe Photogramme aus meinen Schwestern gemacht. Ich weiß noch, dass ich mir kleine Storys ausgedacht habe und mit meiner Ritsche-Ratsche-Kamera fotografiert habe. Später habe ich erst mal assistiert, dann studiert und dann kam eins zum anderen.

Was war Dein erster bezahlter Fotojob?
Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Wahrscheinlich ein Portrait.

Deine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Kids, People und Lifestyle. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Vor allem wahrscheinlich weil ich es kann. Nicht jeder mag die Unsicherheiten und das Chaos, das man sich mit Kindern ans Set holt. Ich arbeite sehr viel mit unprofessionellen Models. Die bringen ihren Vibe mit, das kann einen nerven oder man nimmt es als Inspiration. Mich inspiriert es eben.




Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Spontan, ehrlich und emotional. Ich will eine Realität abbilden, entweder inszeniert für die Werbung oder als Street Photography, das ist egal. Ich finde eine Realität oder ich erfinde sie.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Dann würde ich rund um die Welt entweder menschenähnliche Roboter und ihre Erfinder fotografieren, Forscher die sich mit AI und Robotik beschäftigen. Oder ich würde neue Formen der Städte und deren Versorgung zeigen. Indoor Farmen und moderne Mobilitäts-Konzepte.

Gibt es einige Fotografen-KollegenInnen aus Deutschland, deren Arbeiten Du besonders schätzst?
Jelka von Langen finde ich sehr gut. Werner Amann. Heji Shin. FotografenInnen, bei denen ich das Gefühl habe, die machen mit eine Tür zu einer Welt auf.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Dass es eine Zeit überdauert und wechselndem Kontext standhält.

Wer oder was inspiriert Dich?
Das kann alles sein. Vor allem Neues. Ich bin so neugierig, das treibt mich an.

Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Die erste Kamera als Kind war eine knallrote Konica „Tomato“ Point and Shoot. Dann schon relativ bald eine Canon A1. Heute bin ich immer noch in Kleinbild und Point and Shoot verliebt. Das passt zu meiner spontanen Fotografie. Nikon für Jobs und Yashica T5 und Leica M6 für analoge freie Projekte.






Wie bereitest Du Dich auf ein bevorstehendes Shooting vor?
Bei Auftrags-Shootings mache ich mir oft Gedanken, was die Story dahinter sein könnte. Ich denke mir ein Leben für die Models aus. Wie heißen die Leute die da „spielen“? Was mögen die? Wie sind die drauf? Das hilft mir alles zu entscheiden. Wo die wohnen aka Location oder was sie tragen, aka Styling.

Was ist ausschlaggebend, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein?
Sichtbarkeit! Und Zähigkeit. Wenn man sich von kleinen Verunsicherungen oder Rückschlägen entmutigen lässt, hat man keine Chance.

Viele FotografenInnen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Bewegtbild“. Inwieweit ist das auch für Dich interessant?
Das mache ich gerne. Ich arbeite regelmäßig mit einem Film-Team zusammen. Ich finde, da ist Teamarbeit gefordert. Je komplexer der Anspruch, um so mehr sollten die einzelnen Posten mit ExpertenInnen besetzt sein. Eben mal kurz Regie oder Kamera nebenher zu machen finde ich nicht erstrebenswert.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Ich habe ein großes Projekt. Das ist meine persönliche Sichtweise auf die Welt und ich nenne es mein „analog memory“. Da versuche ich, komplett den Kopf auszuschalten und mich nur von der Lust am Sehen und die Neugier auf alles was ich sehe leiten zu lassen.



Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich besonders stolz? Oder vielleicht einfacher gefragt: Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder sehr gerne an?
Ich schaue gerne mein „analog Memory“ an. Da kommt so viel vor, was mich berührt hat.

Manche FotografenInnen klagen, der Markt für Fotografie sei auf dem absteigenden Ast. Es gäbe immer wenige gute Aufträge, die angemessen bezahlt würden. Wie nimmst Du dies wahr?
Es werden mehr Bilder gebraucht, gedruckt oder sonst wie verwendet als jemals. Es gibt genug Kunden mit Anspruch. Ich muss sie nur finden. Ich nehme die kommerzielle Fotografie eher sportlich. Es ist ein Markt und wie jeder Markt ein Haifischbecken. Jammern hilft da nicht weiter. Das spornt mich nur noch mehr an, die richtigen Kunden zu finden, die meine Arbeit auch schätzen. Und dafür bezahlen wollen. :)

Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Da wo ich zu Bett gegangenen bin. Ich halte nichts von würde/könnte/möchte … Wenn ich etwas will, dann setze ich alles daran es auch zu bekommen. Wenn ich in New York aufwachen will, dann fliege ich dahin.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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