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Interview: Im Gespräch mit Thorsten Futh

Thorsten Futh ist Hamburger geblieben, obwohl er seit 25 Jahren in Berlin lebt. Seine Wurzeln liegen in der dokumentarischen Editorial-Fotografie, seit mehr als 15 Jahren fotografiert er auch für diverse Industriekunden und Wirtschaftsunternehmen. Er wird von Fariyal Kennel repräsentiert. Im Rahmen der BLICKFANG-Ausgabe 2019/2020 (Band 11) konnten wir Thorsten einige Fragen stellen.

Wie sah Dein Start in den Beruf genau aus? Hast Du eine Fotografen-Ausbildung und evtl. Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Meine Eltern sind GEO-Abonnenten seit der ersten Ausgabe. Ich habe mit den grünen Heften lesen und wohl auch sehen gelernt. Ich wollte immer schreibender Journalist werden, um die Welt zu entdecken und zu verstehen. Dass ich dann die Fotografie als Ausdrucksmittel fand, hat mit verschiedenen Zufällen (oder Fügungen) und meiner Unzufriedenheit an der Hamburger Uni zu tun. Dem Rat eines Freundes folgend bewarb ich mich für die Fotografie-Klasse an der Lette-Schule in Berlin. Im Anschluss habe ich verschiedenen Fotografen assistiert, am intensivsten war die Zusammenarbeit mit Stephan Elleringmann, mit dem ich in den 90ger Jahren buchstäblich um die Welt gereist bin, um ihn bei der Realisierung von großen Wissenschafts- und Medizinreportagen für GEO und Stern zu unterstützen. Als ich begann, fotografisch meinen eigenen Weg zu gehen, hatte ich das Glück, in der Fotowelt auf Menschen zu treffen, die mir vieles zugetraut haben. So konnte ich bald für Magazine und dann zunehmend auch für große Unternehmen interessante Aufträge umsetzen.

Was war Dein erster bezahlter Fotojob?
Das war kurz nach der Ausbildung eine Geschichte über die Wandlung einer LPG in das Ökodorf Brodowin. Ich hatte das als freies Projekt begonnen und durfte es dann bezahlt vom Greenpeace Magazin weiter fotografieren. Die Veröffentlichung auf mehreren Doppelseiten schaue ich mir noch heute sehr gern an.

Deine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Industrial, Corporate, Reportage, Portrait & Places. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Meine Wurzeln habe ich in der dokumentarischen Editorial-Fotografie. Mittlerweile arbeite ich vor allem im Bereich der Unternehmenskommunikation – im Grunde möchte ich mit meiner Fotografie nach wie vor Geschichten über Menschen und Orte erzählen und das immer von der Realität ausgehend und mit nur so viel Inszenierung wie nötig. Die genannten Schwerpunkte sind die Übersetzung in die „branchenüblichen“ Schubladen.




Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Vielleicht: authentisch, sortiert, reduziert.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Das absolute Traumprojekt habe ich nicht, aber etwas liegt mir tatsächlich am Herzen: ich würde gern Menschen porträtieren, die eine Krebserkrankung überlebt haben oder trotz einer Krebserkrankung ein lebenswertes Leben führen können. Jemand, der einfühlsam schreiben kann, sollte dazu die Geschichten der Menschen aufschreiben und daraus sollte ein Buch entstehen, das von der Krankheit Betroffene kostenlos bekommen können. Aus eigener Erfahrung weiß ich wie (lebens)wichtig solche positiven Beispiele sein können.

Gibt es einige Fotografen-KollegenInnen aus Deutschland, deren Arbeiten Du besonders schätzst?
Es gibt in Deutschland und überall auf der Welt wunderbare Fotografinnen und Fotografen, deren Arbeiten ich sehr inspirierend finde. Von vielen habe ich Bücher in meinem Regal.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Ein herausragendes Foto zeigt mir etwas von der Welt, das ich so noch nicht gesehen habe und es berührt mich dabei emotional.

Wer oder was inspiriert Dich?
Jeder Aspekt des Lebens kann Inspiration sein. Wenn man berührbar bleibt, was nicht immer leicht ist. Oder mit den Worten von Leonard Cohen: „There is a crack in everything, that’s how the light gets in.“

Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für Dich?
Ich versuche mit meiner Fotografie sehr nah am „echten Leben“ zu bleiben und benutze die Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung daher nur sparsam. Das Bild soll nicht verfälscht, sondern eher „optimiert“ werden.





Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Meine erste Kamera war eine schon damals alte Voigtländer-Faltkamera, die mir mein Vater gab, als ich 7 Jahre alt war. Seitdem habe ich viele verschiedene analoge und digitale Kameras benutzt, von Kleinbild bis 4×5 inch. Geliebt habe ich meine Mamiya RB, die ich mir während der Ausbildung gebraucht gekauft habe und mit der ich dann jahrelang alle Aufträge fotografiert habe. Vor kurzem habe ich Fuji für mich entdeckt und arbeite seitdem oft und sehr gern mit der GFX. Je nach Auftrag ergänze ich mit einer verstellbaren Cambo und neuerdings hin und wieder auch mit einer Drohne.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Bewegtbild“. Inwieweit ist das auch für Dich interessant?
Ich finde, Bewegtbild kann vor allem wenn es ums Storytelling geht, eine sehr interessante Ergänzung sein und deswegen habe ich mich auch eingehend damit beschäftigt. Für die Onlinevariante eines Geschäftsberichtes habe ich auch schon kurze Filme produziert. Glücklicherweise haben die Auftraggeber mittlerweile erkannt, dass es mehr Zeit und manchmal auch ein größeres Team erfordert, um zusätzlich zu Fotos auch Bewegtbilder auf einem hohen Niveau produzieren zu können.

Wie wichtig sind Dir freie Arbeiten?
Ich darf bei den Fotos und Bildstrecken, die ich redaktionell und auch für Unternehmen realisiere, oft eine subjektive Sicht auf die Dinge finden und fühle mich dabei fotografisch ziemlich frei. Von daher sehe ich keinen großen Unterschied zwischen beauftragtem und freiem Arbeiten.

Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich besonders stolz? Oder vielleicht einfacher gefragt: Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder sehr gerne an?
Stolz ist tatsächlich nicht der passende Begriff, aber ich freue mich immer, wenn es mir bei Auftragsarbeiten gelingt, nicht nur den Kunden zufrieden zu stellen, sondern Bilder zu machen, die über den Auftragskontext hinaus und für sich allein bestehen können. Eine (zugegeben mittlerweile ziemlich alte) Arbeit ragt für mich allerdings immer noch heraus: im Jahr 2000 durfte ich an der World-Press-Joop-Swart-Masterclass teilnehmen und eine freie Arbeit zum Thema „work“ realisieren. Ich habe mich mit den Spuren und Folgen des Uranbergbaus in der DDR beschäftigt. Diese Serie hat mir anschließend viele Türen geöffnet und sehr geholfen mich als Fotograf zu etablieren.


Manche FotografenInnen klagen, der Markt für Fotografie sei auf dem absteigenden Ast. Es gäbe immer wenige gute Aufträge, die angemessen bezahlt würden. Wie nimmst Du dies wahr?
Die Auftragslage der meisten Fotografinnen und Fotografen, die ich kenne, ist einigen Schwankungen unterworfen. Das ist in den 20 Jahren, die ich beurteilen kann, immer so gewesen. Zum Teil sind die Arbeitsbedingungen tatsächlich herausfordernder geworden – ich nehme aber eher einen größeren Zeitdruck als ein Sinken der Honorare wahr. Zum Glück haben Fotos noch immer eine hohe Relevanz und es gibt, wenn man es schafft als Fotograf beweglich zu bleiben, mindestens ein Auf und Ab und nicht nur ein Ab.

Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Morgens wieder aufzuwachen gefällt mir generell und wenn das in einem Zelt in der Nähe eines Meeres passiert, dann ist wirklich alles gut. Bezogen auf die Fotografie würde ich gern häufiger in Afrika aufwachen, denn dort passiert im Moment einiges, was ich sehr spannend finde und gern fotografieren würde.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.futh.de
   www.fariyalkennel.com
   www.instagram.com/thorstenfuth
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