interview_harry_weber1c

Interview: Im Gespräch mit Harry Weber

Harry Weber arbeitet international als Fotograf und Filmemacher in den Bereichen People, Portrait und Reportage. Seine Basis hat er in Berlin – mehr auf www.harry-weber.com. Für den redaktionellen Part der im Sommer veröffentlichten BLICKFANG-Ausgabe 2019/2020 (Band 11) hat uns Harry einige Fragen beantwortet.

Wie sah Dein Start in den Beruf genau aus?
Ich komme von der Straße – also der Straßenfotografie. Mein Studium damals in London, Paris und Madrid hat mich dazu animiert non-stop spazieren zu gehen, mit Fremden zu feiern und diese fotografisch zu parodieren – es war alles ziemlich spannend. Mit den Bildern habe ich mich dann bei anderen Fotografen beworben um zu assistieren, ohne wirklich zu wissen was mich im Profibereich erwartet. Es wurden daraus total spannende 8 Jahre im Bereich Reisen, Feiern, Stress und komische Leute treffen. Ich hatte es mir damals zur Gewohnheit gemacht, die entstehende Sammlung an eigenen Straßenfotos und Portraits als Mappe ungefragt bei Werbeagenturen zu deponieren und zu gucken was passiert – die Unverfrorenheit hat oft das Eis gebrochen.

Was war Dein erster bezahlter Fotojob?
Richtig los ging es mit einer Portraitkampagne gegen Spielsucht. Der gecastete Freundeskreis hat sich bedankt, als viele plötzlich als vermeintlich Spielsüchtige in Kiosken und Zeitungen zu sehen waren …



Deine Schwerpunkte liegen heute primär in den Bereichen People, Portrait und Reportage. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Es ist das Unerwartete, das Plötzliche, plus es ist der Kick, mit Bildern zurück ins Studio zu kommen, mit denen man vorher gar nicht gerechnet hat. Manche Reisen um den Globus dauern nur 2 Tage, manche Portraits sind beim Einschießen schon fertig – Menschen sind witzig. Bei Auftragsarbeiten arbeite ich gerne aus dem Moment heraus. Das bricht so wunderbar das Verplante und Durchgetaktete vieler Projekte, die da so auf den Tisch flattern.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Etwas schräg von unten, unscharf und daneben belichtet … Aber dann ist da immer etwas im Bild gefroren, was Interesse erweckt und einen alles Andere studieren lässt.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Oh, das Traumprojekt ist jetzt schon seit den ersten Fotografien im Gange – es kann ruhig so weiter gehen. Es ist wie eine positive Droge.

Gibt es KollegenInnen, deren Arbeiten Du besonders schätzst?
Andreas Zielony aus Deutschland und Martin Parr aus England – mein Ideal liegt genau dazwischen, die Ästhetik und den Witz zusammenzubringen – ein großes Ziel.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Ich glaube, es ist immer ein Detail in einem Bild, was so besonders ist, dass es einen festhält – der Rest läuft mit. Aber ohne dieses Detail geht es nicht!

Wer oder was inspiriert Dich?
Der Zufall. Z.B. in Mumbai an der Bushaltestelle um 8 Uhr angegähnt zu werden, das zu fotografieren und den Gesichtsausdruck dann in darauf folgenden Fotoproduktionen einzuarbeiten.



Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Die erste Kamera war ganz klassisch die selbstgebaute Lochkamera aus der Keksdose in der Schule – heute die Sony Alpha RIII mit Leica Linsen – eine fantastische Kombination.

Wie bereitest Du Dich auf ein bevorstehendes Shooting vor?
Oft wochenlang erst einmal ausprobieren, Technik checken, Möglichkeiten und Machbarkeiten erörtern. Passt alles ins Budget? Hat überhaupt jemand Lust mitzumachen? Es ist sehr komplex, gerade bei Werbeproduktionen, aber je mehr man mit allen kommuniziert, desto fantastischer wird alles.

Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für Dich?
Der war schon immer sehr hoch. Damals im Labor mit vielen Experimenten bei der Entwicklung der Bilder und heute am Rechner. Ohne digitale Nachbearbeitung geht in der digitalen Fotografie sowieso nichts. So bekommen die Bilder einen eigenen Stil, und einige können überhaupt nur so gerettet und brauchbar gemacht werden.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Bewegtbild“. Inwieweit ist das auch für Dich interessant?
Das mache ich auch und es hat mittlerweile 60% meiner Arbeit für sich eingenommen – Foto läuft oft nur noch mit. Nur in den freien Arbeiten, der Straßenfotografie ist es noch nicht angekommen. Aber wer weiß, ständige Veränderung …

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Ich arbeite immer frei, wenn ich Zeit finde. Es ist ja nicht mehr sehr kompliziert, spontan zu reisen. Ich mache gerade wieder enorm viele Straßenprojekte, dann aber auch wieder viele Werbejobs.

Was ist Deiner Meinung nach ausschlaggebend, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein?
Die Flexibilität. Man muss kommunizieren und versuchen, das Vertrauen der Auftraggeber zu gewinnen. Die schon getätigten Arbeiten sind dabei häufig nur unwesentliche Referenzen. Es geht in dem Business ständig up and down. Erfolgreich kann man nur dann sein, wenn man diese Zyklen übersteht und immer weiter macht.



Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich besonders stolz? Oder vielleicht einfacher gefragt: Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder sehr gerne an?
Es sind die ersten Straßenfotos, von denen ich nicht mehr los komme. Die Bilder von mir im aktuellen BLICKFANG-Buch sind eigentlich immer eine Anlehnung an das gewesen, was ich schon in den ersten Jahren geschaffen habe.

Viele FotografenInnen klagen, der Markt für Fotografie sei auf dem absteigenden Ast. Es gäbe immer wenige gute Aufträge, die angemessen bezahlt würden. Wie nimmst Du dies wahr?
Oh, es liegt immer am eigenen Output, ob ein Markt für einen da ist oder nicht. Es liegt häufig alles an einem selbst, man ahnt manchmal gar nicht, was für Jobs noch irgendwo auf einen warten.

Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Mit einem Kater um 17:00 auf dem Sofa im Studio nach einer funkigen Produktion.

Gibt es abschließend noch eine spannende Anekdote aus einer Ihrer Produktionen?
Naja, in Tokio und Marokko wollten mich Menschen für meine heimlich getätigten Fotografien lynchen, aber die Geschichten erzähle ich lieber privat beim Bier! Ansonsten sollten die Bilder für sich stehen – es ist fantastisch wie lange man von einem kurzen Moment zehren kann!

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.harry-weber.com
   www.instagram.com/harryweber_productions
   zum Onlineprofil
 

kommentieren