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Interview: Im Gespräch mit Rasmus Kaessmann

Geboren in Mönchengladbach, aufgewachsen im oberbayerischen Bad Tölz, ist der Halbschwede Rasmus Kaessmann nach vielen Jahren in München und Berlin wieder zurück in den Voralpen, seiner gefühlten Heimat. Dort lebt er mit seiner Familie, den Powder-Alarm immer im Blick, bei Neuschnee einer der Ersten am Berg. Für seine Kunden ist er weltweit unterwegs, privat am liebsten mit dem Bus in den Bergen, am Atlantik oder in den schwedischen Schären. Im Rahmen der BLICKFANG-Ausgabe 2019/2020 (Band 11) konnten wir ihm einige Fragen stellen.

Wie sah Dein Start in den Beruf genau aus?
Ich hatte nach dem Abitur keine Ahnung was ich machen soll, also habe ich erstmal auf dem Bau gearbeitet, Geld gespart, um dann auf Reisen zu gehen. Zuerst mit einem VW Bus durch Spanien, wobei ein Freund, der mich für kurze Zeit begleitet hatte, seine alte Pentax Spiegelreflex bei mir im Bus vergaß als er wieder nach Hause ist. Das war dann meine erste Berührung mit einer professionellen Kamera. Als ich wieder zurück war und sie wieder hergeben musste, habe ich mir selbst eine gekauft für die nächste Reise. Das Ziel: die höchsten Berge Afrikas, Mount Kenia, Mount Meru und Kilimandscharo besteigen. Wieder mit demselben Freund. Nach den Bergtouren sind wir runter ans Meer auf eine sehr abgelegene Insel im Norden Kenias, die Insel Lamu. Als wir dort am Strand saßen, allein und in beide Richtungen kilometerweit kein Mensch zu sehen, kam aus dem nichts ein Ami auf uns zu, der aussah wie Hunter S. Thompson beziehungsweise Johnny Depp in Fear and Loathing in Las Vegas, mit Hawaiihemd, Safari-Hut, Shorts und Pornobrille. Er war Journalist und auf der Suche nach zwei auf dieser hauptsächlich muslimischen Insel angeblich ansässigen Transvestiten, über die er schreiben wollte. Angefixt von der Idee zu reisen und dabei solch skurrile Geschichten produzieren zu können, wurde mein Freund noch mehr darin bestärkt auf die Journalistenschule zu gehen, und ich, den Weg weiter zu verfolgen, um Fotograf zu werden. Zurück in München habe ich mit einem Praktikum in den Vogelsänger Studios angefangen, das waren so Großraumstudios für Interieur. So richtig analog mit Großformat, Kunstlicht und so. Es folgten vier Jahre freie Fotoassistenz bei verschiedenen Fotografen in allen möglichen Bereichen, von Mode über People bis Portrait/Reportage. Aber nur wenig im Sportbereich.

Was war Dein erster bezahlter Fotojob?
Das wird wieder eine lange Antwort. Eines Morgens rief mich das interne Marketing von Siemens an. Sie hatten meinen Kontakt vom Chef der internen Kommunikation, bei dem derselbe Freund der damals mit mir am Strand von Lamu gesessen war, gerade ein Praktikum machte. Ich kam also dahin, gerade mal 24, mit Camouflage-Hosen und langen Haaren, und im Aufzug fragte mich dann ein Herr im Anzug: „Ah, Fotograf oder?“ Das fand ich schon mal ziemlich cool! Die Idee des Marketings war, einen Bilderpool anzulegen, mit Menschen, die mit Siemens-Geräten kommunizieren, damals gab es ja auch noch Siemens Handys. Produziert in 24 Städten weltweit. Es war Dienstag und sie wollten bis Donnerstag ein Angebot haben. Ich bin also raus und hab meinen damaligen Mentor und Lieblingsfotografen, dem ich damals viel assistiert habe, angerufen und um Hilfe gebeten. Also gleich zu ihm, wobei er auch überfordert war und mich zu seiner Agentur schickte, die mich als Assi ganz gut kannten. Kurzer Anruf bei Barbara Neubauer, die heute noch meine Agentin ist. Sie hat mich gleich zu sich eingeladen, wir haben uns geeinigt, den Job zusammen zu machen und ich wurde dann noch als Nachwuchs-Sportfotograf in die Agentur aufgenommen. Bang. Ein glücklicher Tag mit vielen glücklichen Fügungen! Auch wenn aus den 24 Städten weltweit dann „nur“ 12 wurden, war es trotzdem eine 4-wöchige Produktion …




Deine Schwerpunkte liegen heute primär in den Bereichen Sport, Portrait, People und Reportage. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Ich bin in Bad Tölz in den Bayerischen Voralpen aufgewachsen, da wächst man fast gezwungenermaßen mit Snowboarden und Klettern auf. Sport, vor allem Outdoor-Sport, hat mich also schon immer fasziniert. Durch die Assistenzen in den verschiedenen Bereichen habe ich zwar auch so einige Mode-Tests gemacht, dann aber doch gemerkt, dass mir Sport und vor allem die Arbeit mit den Sportlern mehr liegt. People und Portrait reizen mich deshalb, weil ich die Zusammenarbeit mit Menschen liebe. Und Menschen durch die Optik und mit der Kamera als Schutz ganz tief in die Seele zu schauen – das finde ich faszinierend.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Das können andere immer besser, ich tue mich da selber immer schwer meinen Stil in Worte zu fassen und mache mir da auch nicht wirklich Gedanken drüber. Ich fotografiere einfach nach Gefühl und so wie es mir gefällt, meistens ist das dann ziemlich weitwinklig. Vielleicht höre ich deshalb immer wieder, meine Bilder seien „dynamisch“. ;-) Da ist eben viel Platz für Action.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Ein Snowboard-Shoot auf Eisbergen in der Antarktis. Bevor es die nicht mehr gibt. ;-(

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Es muss irgendwas in mir bewegen, das hat viel mit Gefühl zu tun. Bei einem guten Actionbild bin ich allerdings sehr anspruchsvoll, da muss einfach alles passen: der Moment, die Dynamik, die perfekte Bewegung des Athleten, perfektes Licht und am besten unberührte Natur.

Wer oder was inspiriert Dich?
Die Natur inspiriert mich! Ich wohne ja jetzt, nach einigen Jahren in München und vielen Jahren in Berlin, mit meiner Familie wieder in meinen Bayerischen Voralpen. Jede freie Minute, gerne frühmorgens oder nachts, bin ich irgendwo draußen in den Bergen unterwegs und fotografiere. Die Natur gibt mir Kraft, lädt meine Akkus wieder auf und macht mich kreativ.




Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Eine Nikon F90X! Gekauft nachdem ich das Buch „Bergfotografie“ von Bernd Ritschel gelesen hatte, um überhaupt mal zu verstehen, was es mit Blende und Verschlusszeit auf sich hat! Dort wurde die Nikon als super und noch erschwingliche Einsteiger-Kamera empfohlen. Es folgten eine Pentax 6×7 und eine Mamiya 7. Als es dann mit der Digitalfotografie losging, bin ich auf Canon umgestiegen, weil die gefühlt damals immer die Nase ein bisschen vor Nikon hatten. Für die Werbejobs wurde es nach der Hasselblad H2 dann eine Phase One, wobei ich die immer zusammen mit dem Digital-Support gebucht und nie selbst besessen habe. Letztes Jahr bin ich dann zu Sony gewechselt. Wahnsinn, was die mit der Alpha 7R III auf den Markt gebracht haben, da passt einfach alles: 42 Millionen Pixel Auflösung, super hohe ISO, 15 Blenden Dynamikumfang, schneller AF und 10 Bilder pro Sekunde, wo ich vorher bei der Auflösung maximal 3 geschafft habe! Bei der Phase One kam auch noch eine Auslöseverzögerung dazu. Das ist bei Action nicht unbedingt einfach zu handeln.

Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für Dich?
Man kommt ja nicht ohne aus ;-) Naja, ganz ehrlich, früher stand man im Labor, um den perfekten Print zu machen, jetzt sitzt man halt am Computer. Bei Werbe-Jobs mache ich die Post zum Glück nicht selber, sondern habe dafür fantastische Bildbearbeiter. Und bei den redaktionellen Sachen drehe ich in Capture One an den Reglern, das reicht mir meist, um glücklich zu sein.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Bewegtbild“. Inwieweit ist das auch für Dich interessant?
Interessant, aber eher in Zusammenarbeit mit mir vertrauten Filmern. Ich muss nicht unbedingt selbst filmen, außer mal bei kleineren Sachen. Ansonsten glaube ich nicht, dass nur weil DSLR’s jetzt filmen können unbedingt jeder Fotograf auf einmal auch filmen können muss. Aber es macht Spaß, mit Filmcrews zusammen zu arbeiten und sich auch mit Bewegtbild zu befassen!

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Ja, immer wieder! Gerade sind wir an einem Freeski-Film dran, zusammen mit den Jungs von El Flamingo Films. Freeskiing bei Vollmond, ohne zusätzliches Kunstlicht! Da bewegt sich der Film schon am Limit, gedreht wird bei ISO 30.000 und offener Blende. Allerdings braucht der Film nur 1/50s Belichtungszeit, damit bekomme ich allerdings auf einem Foto nur schwerlich Action eingefroren! Ich arbeite da noch an einer Lösung … ISO 100.000 sah dann doch nicht allzu gut aus. Ich hoffe, bis dieses Interview rauskommt, habe ich es aber im Kasten. https://www.kaessmannphotography.com/news/full-moon

Was ist Deiner Meinung nach ausschlaggebend, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein?
Ich habe früher immer gedacht, das perfekte Bild sei der Schlüssel, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein. Ist es auch. Aber nicht nur. Mittlerweile ist es mir am wichtigsten auf Produktion ein super Team um mich zu haben, bei dem jeder am Set das Gefühl hat, unentbehrlich zu sein. Gute Stimmung und die Zusammenarbeit am perfekten Bild – dann hat jeder Spaß, auch der Kunde, und kommt wieder!



Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich besonders stolz? Oder vielleicht einfacher gefragt: Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder sehr gerne an?
Es gibt ein Bild, das ich wohl nie von meiner Website nehmen werde, auch wenn ich es schon Ende 2007 fotografiert habe: das Bild der Nationalmannschaft im Wasserball. Dafür habe ich sogar unnötigerweise einen Tauchschein gemacht! Ich kann gar nicht genau sagen warum, aber das Bild beinhaltet sehr viel für mich. Die Action, perfekte Inszenierung, und den Witz! Die Idee kam übrigens von meinem überaus geschätzten AD der Men’s Health Jan Mötting. Jan, wann machen wir wieder solche geilen Produktionen? ;-)

Viele FotografenInnen klagen, der Markt für Fotografie sei auf dem absteigenden Ast. Es gäbe immer wenige gute Aufträge, die angemessen bezahlt würden. Wie nimmst Du dies wahr?
Sehe ich nicht ganz so. Klar sind die goldenen 80er und 90er vorbei. Und ja, es ist mittlerweile schon meistens ein harter Preiskampf und viele Kunden wollen einen Porsche zum Preis von einem Dacia. Und dazu gibt es natürlich eine Flut von relativ hochwertigen Stockbildern zu so gut wie jedem Thema im Netz. Aber eben nicht speziell auf den Kunden zugeschnitten und mit einer klaren eigenen Bildsprache. Dafür muss und wird schon noch produziert und am Ende immer noch gut bezahlt.

Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Schottland. Ich hatte vor 2 Jahren eine Produktion auf der Isle of Skye. Dort in dieser einsamen Weite in den Highlands zu stehen, war ein unglaubliches Gefühl. Diese raue nordische Einsamkeit, da kommt wahrscheinlich der Schwede in mir durch.

Gibt es abschließend noch eine spannende Anekdote aus einer Ihrer Produktionen?
Eigentlich ist die Beschreibung, wie ich zum Fotografieren kam schon Anekdote genug, denke ich ;-) Aber ja, die Wasserballer nochmal! Das war ein echt kompliziertes Setup, und das ganze redaktionell und relativ low-budget. Diese Perspektive halb Über- und halb Unterwasser, das Licht-Setup, und überhaupt erstmal rausfinden, wie man die Sportler in die Positionen bekommt, in denen wir sie haben wollen! Ich hatte die Nationalspieler für drei Stunden, was eh schon relativ lang ist für die Zusammenarbeit mit Profi-Sportlern. Die ersten 2 Stunden gingen aber schon für das erste von drei Motiven drauf. Bild im Kasten, Kamera aus dem Unterwassergehäuse, Assi liest die Karte ein und – nix drauf! Gar nix! Obwohl ich im Gehäuse und in der Kamera die Bilder immer wieder angeschaut und kontrolliert hatte! Die Stimmung war dann erstmal nicht mehr ganz so gut … hat sich dann aber zum Glück schnell erholt. Denn immerhin wussten wir jetzt, was zu tun ist und konnten das erste Motiv relativ schnell rekonstruieren. Das Bild, das heute mein Lieblingsbild ist, war das zweite Motiv, entstanden in rund 20 Minuten. Ich weiß bis heute nicht, was beim ersten Bild passiert ist, aber auch mit Recovery-Programmen war nichts wiederherzustellen. Seitdem habe ich immer eine Backup-Karte in der Kamera und speichere alles parallel auf zwei Karten! Auch bei Backups bin ich ziemlich penibel und habe immer mindestens zwei Backup-Platten dabei.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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