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Interview: Im Gespräch mit Johanna Kraft

Johanna Kraft ist freiberufliche Fotografin und lebt in Stockholm. Sie fotografiert für deutsche und internationale Kunden, arbeitet mit Magazinen zusammen und zeigt ihre freien Arbeiten in Ausstellungen. Seit einigen Jahren unterrichtet sie zudem Fotografie an der TH Nürnberg. Sie liebt die unendlichen schwedischen Sommertage und das Winterlicht, das Fotografiska Museum und Abende mit Freunden bei Bier aus der fränkischen Heimat. Für die BLICKFANG-Ausgabe 2019/2020 (Band 11) stand uns Johanna im Interview Rede und Antwort.

Was hat Dich dazu bewogen Fotografin zu werden und wie sah Dein Start in den Beruf genau aus? Hast Du eine klassische Fotografen-Ausbildung und evtl. Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Ich kann mich noch ganz genau an die Faszination erinnern, als ich mit 13 zum ersten Mal in der Dunkelkammer meiner Schule war. Dieses Abtauchen in eine andere Welt, komplett abgeschottet, völlig konzentriert nur auf das eine Bild, da waren plötzlich Stunden vorbei und ich hatte das Gefühl, ich habe gerade erst angefangen. Das hat mich total begeistert. Von da an habe ich viele Nachmittage bis zum Abitur im Labor verbracht und meine Bilder entwickelt. Nach der Schule habe ich dann erstmal eine 3jährige Ausbildung zur Fotografin in einem großen Studio gemacht. Als Assistentin war ich mit Modeproduktionen viel in der Welt unterwegs. In dieser Zeit habe ich unheimlich viel gelernt, über Licht im Studio und draußen, den Ablauf internationaler Fotoproduktionen, Teamarbeit, Bildauswahl und Nachbearbeitung. Und mein Reisefieber wurde endgültig geweckt. Im Anschluss habe ich Mediendesign mit Schwerpunkt Fotografie studiert, was mir durch konzeptionelles Arbeiten noch einmal einen anderen Blickwinkel auf Gestaltung und Fotografie gegeben hat. Währenddessen habe ich viel gearbeitet, Assistenzen, Bildbearbeitung, Bildauswahl und Zusammenstellung für Fotografen Portfolio Präsentationen, freie kreative Projekte und erste eigene Fotoaufträge. So war das ein fließender Übergang in die Selbständigkeit. Seit ein paar Jahren habe ich noch nebenbei einen Lehrauftrag für Fotografie.

Deine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Portrait, People, Fashion, Art, Lifestyle und Landscape. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen. Häufig inspiriert mich eine Person, ein Gesicht oder ein Ausdruck zu einer Bildidee. Oder ich habe umgekehrt ein Konzept im Kopf, für das ich nach einer passenden Person und Umgebung suche. Ich liebe die Natur, die besondere Stimmung, die eine Landschaft erzeugen kann, die Kraft, die sie ausstrahlt. Gerade die Kombination von Mensch und Landschaft interessiert mich immer wieder. Im Kern geht es mir um Gefühl, Stimmung, die Wirkung, die ein Bild auf den Betrachter hat.




Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Natürlich, authentisch, atmosphärisch, pur, manchmal auch ein bisschen surreal. Vielleicht könnte man sagen authentische Inszenierungen.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Ich würde gerne alle Ideen aus meinen Skizzenbüchern in einem Bildband mit Ausstellung umsetzen. Oder um die Welt segeln und fotografieren, was mir begegnet. Am besten beides.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Für mich persönlich ist das ein Bild, das mich nicht nur ästhetisch formal fasziniert, sondern das etwas in mir auslöst. Ich mag Bilder, die einen Interpretationsspielraum offen lassen, die Geschichten erzählen, die Fragen stellen, in die man abtauchen kann. Besonders beeindruckend finde ich es, wenn diese Wirkung mit der Zeit nicht verloren geht.

Wer oder was inspiriert Dich?
Reisen, Menschen, die Natur, Landschaften, das Meer, Kunst, gute Gespräche, Veränderung.

Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Eine analoge Sucherkamera meines Großvaters, die mir meine ältere Schwester weitergegeben hat. Wirklich nichts Besonderes. Man musste zum Fokussieren die Entfernung schätzen und manuell einstellen. Momentan fotografiere ich digital hauptsächlich mit Canon und analog mit Mamiya.




Wie bereitest Du Dich auf ein bevorstehendes Shooting vor?
Am liebsten mit Papier und Stift. Meistens habe ich schon eine ziemlich genaue Vorstellung im Kopf. Beim Zeichnen der ursprünglichen Bildidee in mein Skizzenbuch entwickelt sie sich aber häufig noch weiter und ich komme auf viele weitere Motive. Manchmal habe ich das Buch dann auch vorm Bett liegen, wenn mir nachts noch was einfällt.

Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für Dich?
Eine Zeit lang einen recht großen. Da habe ich viel mit Bildbearbeitung, Ebenenüberlagerung und Collagetechniken experimentiert, habe beispielsweise mit Farbe gemalte Bilder und Verläufe oder auch Spiegelungen und Reflexionen abfotografiert und in die Fotos eingearbeitet, um eine bestimmte Stimmung oder Farbigkeit zu erzeugen. Das war häufig eine Mischung aus analogen und digitalen Techniken. In dem Bereich habe ich neben freien Projekten auch viele kreative Auftragsarbeiten und Kooperationen mit großem persönlichen Gestaltungsspielraum umgesetzt. Im Moment fasziniert mich im Kontrast dazu die Purheit und Echtheit der analogen Fotografie, mit der ich mich gerade bei freien Arbeiten wieder mehr beschäftige.

Wie wichtig sind Dir freie Arbeiten?
Freie Arbeiten sind mir sehr wichtig. Ein Bild einfach nur um seiner selbst willen zu machen ist etwas sehr Schönes und Pures. Es bedeutet absolute Freiheit in der Gestaltung und eröffnet mir die Möglichkeit, meine Visionen umzusetzen, Neues auszuprobieren oder auch dem Zufall und der Entwicklung mehr Raum zu lassen. Es fließt viel von meiner Persönlichkeit in diese Arbeiten ein und ich identifiziere mich sehr mit ihnen. Es ist ein gutes Gefühl, die eigenen Bilder in einer Ausstellung, einer Galerie oder bei jemand zuhause zu sehen. Besonders, wenn man den Eindruck hat, sie bedeuten demjenigen etwas oder sind ein kleiner Teil von dessen Leben. Meine Schwester Lena Krupp ist Textil- und Modedesignerin und wir haben schon viele gemeinsame Projekte gemacht. Mal habe ich ihre Kollektionen inszeniert, mal hat sie für meine Bildideen die passenden Kleider entworfen. Gerade entsteht auch wieder ein Kleid für eine freie Arbeit. Außerdem arbeite ich im Moment mit einer Kombination aus Malerei und Fotografie. Dabei male ich mit Ölfarbe auf meinen Fotoabzügen. Das ist schon sehr spannend und eine ganz andere Art zu arbeiten, als digital am Rechner. Es gibt keine „Rückgängig“ Taste.



Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder sehr gerne an?
Das verändert sich mit der Zeit. Aber es gibt schon einige Bilder, die ich mir immer noch gerne anschaue. Am meisten interessieren mich allerdings die aktuellen Projekte oder vielmehr noch die Bilder, die es noch gar nicht gibt, also die ich noch machen will. Die größte Begeisterung liegt für mich im Entstehungsprozess. Wenn eine Bildidee, die ich manchmal schon jahrelang im Kopf hatte als Bild Wirklichkeit wird, oder auch etwas ganz Neues, Unerwartetes passiert und ich merke, das funktioniert. Dann könnte ich unendlich weiterfotografieren. Die Energie, die in diesen Momenten entsteht wirkt noch eine ganze Weile nach.

Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Auf einem Segelboot. Das ist für mich die perfekte Kombination aus Geschwindigkeit und Langsamkeit, Abenteuer und Zuhause, Verbindung mit der Natur und Gemütlichkeit.

Gibt es abschließend noch eine spannende Anekdote aus einer Deiner Produktionen, die Du uns erzählen kannst?
Spontan feuchte Hände bekomme ich, wenn ich an die Brücke in der Dominikanischen Republik denke, die eigentlich nur aus 4 Baumstämmen bestand – 2 für jedes Rad …

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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