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Interview: Im Gespräch mit Janine Graubaum

Janine Graubaum arbeitet als Fotografin, Regisseurin und Kamerafrau im People-, Lifestyle- und Reportagebereich. Ihr Projekt „Kosmos Train“ gewann mehrfach Auszeichnungen und wird vielfach in Ausstellungen gezeigt. Für den redaktionellen Part der im Sommer veröffentlichten BLICKFANG-Ausgabe 2019/2020 (Band 11) hat uns Janine einige Fragen beantwortet.

Wie sah Dein Start den Beruf genau aus?
Wie recht viele andere Fotografen auch, fing ich in meiner Jugend irgendwann an zu fotografieren. In einem Jugendclub, den ich damals besuchte, fand ich alte Dunkelkammergeräte und baute diese mit einem Freund wieder auf. Wir brachten uns mit Hilfe eines alten Buches alles selbst bei. Ohne meine analoge Yashica und mein 50mm Objektiv war ich als Teenie nie unterwegs. Eigentlich wollte ich dann, mit Anfang 20, immer Filmkamera studieren. Leider ließ ich mich von Argumenten wie „ich sei zu jung für das Filmstudium“ und dem rauen Ton der alten Hasen, den ich in meiner Material- und Kameraassistenzzeit am Filmset erfuhr, entmutigen. Mit 21 begann ich dann erstmal eine Ausbildung zur Fotodesignerin am Lette Verein. Danach folgte eine feste Assistenz/Studiomanagerzeit bei Michael Schnabel und einige freie Assistenzen u.a. bei Ralph Mecke. Das bewegte Bild habe ich in der Zeit jedoch nie außer Acht gelassen und viele Projekte einfach selbst nebenbei gemacht. Mittlerweile bin ich als Fotografin und Filmemacherin unterwegs.

Was war Dein erster bezahlter Fotojob?
Wenn Bezahlung in Konsumgütern zählt, dann wohl ein Job für ein Lifestylesport-Magazin für Frauen das es mal gab. „Rausch“ hieß das und ich wurde in Snowboardklamotten bezahlt, was zu gegebener Zeit sehr nützlich für mich war.




Deine Schwerpunkte liegen heute primär in den Bereichen Lifestyle, People und Reportage. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Ich habe schon immer sehr gern Menschen beobachtet und versucht sie zu lesen. In meiner fotografischen Arbeit kam dadurch natürlich zuerst die Reportagefotografie zu Tage. Auch mein ständiges Fernweh und die Neugier an unserem Planeten und den Kulturen trugen dazu bei, dass ich viel reise und Geschichten suche. Der größte Reiz sind dabei Langzeitreportagen für mich. Wenn ich mich für ein Thema entscheide, dann möchte ich die Menschen vorher kennenlernen bzw. mit ihnen leben. Das erfordert sehr viel Zeit und auch Energie. Dafür entstehen aber irgendwann Bilder, bei denen man wirklich dabei ist – sowohl als Fotografin als auch als Betrachter. Und das macht für mich ganz klar gute Reportagefotografie aus. Mir ist es auch ganz wichtig die Menschen die ich fotografiere dabei nie bloß zu stellen. Gerade in unserer heutigen Zeit, wo ständig Privatsphäre nach außen getragen wird. Als Fotografin sehe ich es als meine Aufgabe den Menschen mit Respekt für ihre Situation und Kultur entgegenzutreten und diese in meinen Bildern weiterzugeben, gerade wenn ich so nah an ihnen dran bin. Meine People- und Lifestylearbeit entstand aus meiner Liebe für Reportage gepaart mit dem Spaß am Inszenieren. Sowohl für Film als auch für Foto inszeniere ich gern oder überlege mir Geschichten. Dabei mochte ich nie die überinszenierte Werbebildwelt. Ich möchte im Natürlichen bleiben und subtil kleine Geschichten erzählen. Man soll sich ein bisschen in die Bilder rein träumen können oder dabei sein wollen.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Eher ruhig, natürlich und ein bisschen verträumt.

Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Ich glaube, ich wäre auf einer lebenslangen Reportage unterwegs. Würde unterschiedlichste Menschen begleiten und mit ihnen leben. Dabei wäre wirklich jeder Schlag von Mensch und jede Kultur. Ich frage mich einfach sehr oft, wieso bestimmte Menschen bestimmte Dinge tun, wie sie leben und was diese Lebensweisen und Schicksale mit einem machen. Ich würde wirklich gern mit vielen Menschen mal kurz tauschen dürfen.

Gibt es einige Fotografen-KollegenInnen aus Deutschland, deren Arbeiten Du besonders schätzst?
Ich schätze die Fotografie von Ralph Mecke sehr. Er ist für mich der einzige Mann der es schafft Frauen auch nackt auf eine Art zu fotografieren, die fern ab von bloßem Voyeurismus ist. Seine Bilder gehen über das Körperliche hinaus und erzählen für mich Geschichten. Dann liebe ich noch die Arbeit von Joakim Eskildsen. Seine Reportagen waren und sind immer Inspiration und Vorbild für mich.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Nähe, Ehrlichkeit, Kreativität und auf jeden Fall keine Bildbearbeitung.

Wer oder was inspiriert Dich?
Zug fahren.

Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Meine erste Kamera und ständiger Begleiter war eine Yashica mit einem 50mm/1,4 Objektiv. Heute arbeite ich mit Canon, PhaseOne und Fuji für Foto und für Film mit Balckmagic oder Sony.




Wie bereitest Du Dich auf ein bevorstehendes Shooting vor?
Gute Organisation und Planung gehört für mich zur Grundlage für einen funktionierenden Job. Wenn die Grundlage steht und der Job klar ist, darf am Set auch gern mal etwas spontan passieren. Bei guten Schauspielern oder Modellen, freue ich mich wenn diese sich selbst und ihre eigene Persönlichkeit mit einbringen. Weniger Posen ist einfach mehr. Wenn möglich lasse ich sie auch einfach machen und beobachte und fange sie mit der Kamera ein. Wenn ich an Reportagen arbeite, dann brauche ich dafür wie schon erwähnt, sehr viel Zeit und Raum für mich und die Menschen. Um Kennenzulernen und zu beobachten. Oft macht die Kamera dann am Anfang gar nichts oder ist nur dabei um meine Protagonisten an die Kamera zu gewöhnen.

Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für Dich?
Sie gehört einfach mittlerweile zu unserem täglichen Arbeitsalltag dazu. Dennoch bin ich großer Fan davon das Bild vor Ort möglichst perfekt zu kreieren oder einzufangen und nur kleinere Schönheitskorrekturen im Nachhinein zu machen.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Für mich sind freie Arbeiten immer wieder wichtig. Einerseits um die Mappe frisch zu halten und andererseits für einen selbst. Themen einfach machen auf die man Lust hat oder die einen bewegen. Den größten Reiz empfinde ich in Langzeitreportagen. Immer wieder ins Thema eintauchen und Neues entdecken und daran zu arbeiten bis man irgendwann das Gefühl hat, ein fertiges Ergebnis zeigen zu können. Das ist wie Bergsteigen, nur länger. Es gibt Aufs und Abs, aber man bringt immer wieder die Kraft auf, um sein persönliches Ziel zu erreichen. Mein letztes freies Projekt war „Kosmos Train“, wofür ich über mehrere Jahre immer wieder in den Osten Europas gereist bin und das Leben und Treiben in alten osteuropäischen Zügen dokumentiert habe. Am Ende entstand daraus mein erster Bildband, veröffentlicht vom Peperoni Books Verlag. Davon hätte ich, als ich die Arbeit begonnen hatte, nie gewagt zu träumen.

Was ist ausschlaggebend, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein?
In erster Linie sicherlich Leidenschaft und Spaß am Job. Ehrgeiz und ein langer Atem gehören definitiv auch dazu. „Zwei Schritte vor, einen Schritt zurück“, hat man mir als ausgediente Assistentin mal mit auf den Weg gegeben. An diesen Spruch denke ich immer mal wieder, gerade wenn es mal schlecht läuft und er motiviert mich dann oft, weil er für mich etwas Positives beinhaltet. Nämlich, dass der nächste Schritt wieder vorwärts führt.

Manche FotografenInnen klagen, der Markt für Fotografie sei auf dem absteigenden Ast. Es gäbe immer weniger gute Aufträge, die angemessen bezahlt würden. Wie nimmst Du dies wahr?
Das ist leider eine Wahrnehmung der ich nur zustimmen kann. Es liegt aber auch an uns FotografenInnen die Preise oben zu halten und auch mal nein zu sagen, wenn die Zahlen einfach nicht stimmen. Ich würde mir wünschen, dass die Ausbildungsstätten mehr dazu beitragen, jungen FotografenInnen beizubringen worauf es bei Kalkulationen und Honorarfindung ankommt. Was man alles beachten muss. Auch was nicht direkt in einem Angebot an einen Kunden steht, aber zu berücksichtigen gilt, wie z.B. laufende Kosten. So dass man davon am Ende auch leben kann und nicht nur von einem zum nächsten Job hangelt. Schwierig und leider viel zu lapidar auch von uns FotografenInnen verteidigt, empfinde ich das Thema Nutzungsrechte. Es ist schon seltsam, dass der Kunde quasi bestimmen kann ob er Nutzungsrechte zahlt oder nicht. Wie z.B. ganz stark in der Automobilfotografie. „Wenn du’s nicht machst, dann macht’s halt jemand anderes“, scheint in den Köpfen von uns stark verankert zu sein und leider stimmt es ja auch.




Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Oh, da gibt es sehr viele Orte. Kirgistan, seine Weiten und das Dorfleben haben mich sehr beeindruckt. Generell zieht es mich eher in Gegenden wo wenig Menschen leben und die westliche Kultur noch wenig Einfluss hat. Wenn es nur ums Aufwachen geht, dann möglichst direkt am Atlantik in unserem Bus mit offener Heckklappe und heißem Kaffee.

Gibt es abschließend noch eine spannende Anekdote aus einer Deiner Produktionen, die Du uns erzählen möchtest?
Vielleicht die meiner Regenkleidung: Ich war blutjunge 20 als ich meinen ersten Job als Materialassistentin am Film hatte. Auf der Dispo für den nächsten Tag stand trotz der sonnigen Wettervorhersage: „Abend/Regen“. Ich weiß noch dass ich mich kurz gewundert hatte, habe aber nicht weiter drüber nachgedacht. Am nächsten Tag hatten wir dann künstlichen Regen am Set und drehten die ganze Nacht durch. Alle hatten Regenkleidung an und der Kameramann war mit Kamera in einem Zelt gut geschützt. Nur ich besaß als Neuling keine Regenbekleidung und leider hatte ich als Materialassistentin die Aufgabe die Klappe zu schlagen. Dazu musste ich natürlich vor die Kamera als der Regen schon lief. Und die Szene spielte im Starkregen, so dass ich lange vor Feierabend pitschnass war. Ich kam mir unglaublich doof vor. Danach habe ich mir sofort Regenhose und Regenjacke gekauft. Seit dem sind das meine ständigen Begleiter auf Jobs.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.janinegraubaum.de
   www.kosmos-train.de
   zum Onlineprofil
 

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