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Interview: Im Gespräch mit Jens Görlich

Jens Görlich arbeitet seit 1994 weltweit als Werbe- und Reportagefotograf. Er liebt die Abwechslung, die seine verschiedenen Tätigkeitsbereiche bieten, und ihn fasziniert, dass er immer noch bei jedem Job etwas Neues erleben kann. Für die Ende Juni veröffentlichte BLICKFANG-Ausgabe 2019/2020 (Band 11) hat uns Jens einige Fragen beantwortet.

Was hat Dich dazu bewogen Fotograf zu werden und wie sah Dein Start in den Beruf genau aus? Hast Du eine klassische Fotografen-Ausbildung und evtl. Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Ich habe als Kind immer gerne gezeichnet. Je realistischer, desto lieber. Ich wollte immer Abbilder der Realität erschaffen. Nach dem Abitur, 1986, flog ich zum ersten Mal in die USA, nach New York. Zu dieser Reise habe ich mir eine SLR-Kamera und zwei Objektive von einem Freund geliehen, 20 Diafilme gekauft und die Reise dokumentiert. Als ich wieder zu Hause war und die entwickelten Diafilme auf dem Leuchtkasten sah, war es um mich geschehen. Das wollte ich. Ich konnte mich präziser und schneller ausdrücken als mit dem Zeichnen. Es folgten Praktika und Assistenzen bei verschiedenen Fotografen während meines eigentlichen „Amerikanistik-Studiums“, also im Prinzip sehr frühes „Training on the Job“, keine klassische Ausbildung.

Was war Dein erster bezahlter Fotojob?
Das war eine „freie Arbeit“, die ich tatsächlich zum späteren Verkauf geplant hatte: ich habe in Tequila, Mexico, eine Reportage fotografiert, über die Herstellung von Tequila, der in den frühen 90er Jahren ein „In-Getränk“ in Deutschland war. Die Geschichte habe ich dann dem „Feinschmecker“ Magazin verkauft.




Deine Schwerpunkte liegen heute primär in den Bereichen Transportation, Landscape und People. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Ich glaube, dass die Bereiche meinem Naturell entsprechen. Ich mag Menschen, ich mag schnelle Transportmittel und ich liebe faszinierende Landschaften. Zudem besitzt die Abwechslung zwischen verschiedenen Thematiken einen reinigenden und immer wieder inspirierenden Charakter. Wenn ich z.B. eine Zeit lang mit Menschen gearbeitet habe, kann es sehr angenehm sein sich mit Landschaften zu beschäftigen, die man nicht motivieren muss und nicht dirigieren kann, da muss man sich dann schon eher selbst motivieren …

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Ich versuche authentisch zu sein, mit einem Blick für die Möglichkeiten, aus der Realität durch Bildaufbau, kleinere Styling-Eingriffe und Gefühl für Momente das Maximum heraus zu holen.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Richtig eindrucksvolle Fotografie lebt von Glaubwürdigkeit, Stimmung (Licht und Emotion), Komposition. Ich vergleiche das gerne mit Musik oder Literatur. All diese Künste leben davon glaubwürdig daher zu kommen, Emotionen transportieren zu können … wenn dann noch ein wenig handwerkliches Können dabei ist, kann kaum etwas schiefgehen.

Wer oder was inspiriert Dich?
Gespräche mit Kollegen, Freunden, gute Kinofilme, Natur, Musik, Essen, gute Fotos. Letztendlich jedoch das ganze Leben mit allen Erlebnissen, die es dazu machen.




Welches war Deine erste Kamera und womit fotografierst Du heute?
Meine erste war so eine „ritsch-ratsch-klick“ von Kodak, die erste ernsthafte eine Nikon 301. Heute benutze ich hauptsächlich Canon SLRs. Wenn es ein Job erfordert, auch andere Formate.

Wie bereitest Du Dich auf ein bevorstehendes Shooting vor?
Wenn es ein Werbeshooting ist, bei dem ich Kontrolle über die meisten Dinge habe, gehe ich immer vorher alles im Kopf durch, was passieren könnte. Ich versuche mir alle Eventualitäten vorzustellen, positive wie negative. Dann versuche ich möglichst viele Vorkehrungen zu treffen, dass die negativen Eventualitäten gar nicht erst eintreten. So habe ich Platz und Energie für die positiven Dinge beim Shooting. Bei redaktionellen Geschichten sorge ich dafür, dass das Equipment funktioniert … und dann lasse ich mich darauf ein!

Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für Dich?
Ich bin ein Anhänger der These, dass das Resultat umso besser wird, je besser das Rohmaterial ist. Daher versuche ich, bestmögliche Bilder zu liefern, bevor die Post Production ins Spiel kommt. Dass Nachbereitung heutzutage bei jeder Produktion eine Rolle spielt, ist natürlich klar. Mir ist es jedoch wichtig, dass derjenige, der mit meinem Bildmaterial umgeht, ein Gefühl für „echte“ Fotografie hat und nicht wildeste Composings aus meinem Material entstehen. Mit Gefühl und Verstand eingesetzt, kann Nachbearbeitung fast jedes Motiv auf eine noch höhere Ebene ziehen.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Bewegtbild“. Inwieweit ist das auch für Dich interessant?
Bewegtbild ist ungemein interessant für mich. Ich liebe gute Filme oder Spots. Mir ist aber andererseits absolut klar, dass Fotografie und Bewegtbild zwei völlig unterschiedliche Ausdrucks- und Kunstformen sind. Beide haben andere Möglichkeiten und Limitierungen. Die Annahme mancher Kunden, das könnte „mal eben so“ mitgemacht werden, ist mitunter nicht zielführend, für keine der beiden Welten. Mal sehen, ob ich irgendwann bewegte Bilder kreiere. Lust dazu hätte ich, da muss aber noch geübt werden …

Was ist ausschlaggebend, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein?
Der übliche Mix aus Talent, Persönlichkeit und Timing (zur richtigen Zeit am richtigen Ort), dazu noch ein wenig Konsistenz und Zuverlässigkeit … falls es hier um Erfolg aus eigener Kraft geht. ;-)

Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich besonders stolz? Oder vielleicht einfacher gefragt: Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder sehr gerne an?
… da müsste ich jetzt eigentlich die betreffenden Bilder auf den Tisch legen, aber davon gibt es in der Tat einige, wahrscheinlich diejenigen, bei denen die Antwort zu Frage 5 gegeben ist.



Manche FotografenInnen klagen, der Markt für Fotografie sei auf dem absteigenden Ast und es gäbe immer weniger gute Aufträge, die angemessen bezahlt würden. Wie nimmst Du das wahr?
Ja, da ist einiges dran. Es gibt einen Trend dahingehend, dass immer mehr und umfassendere Rechte für immer weniger Geld erworben werden wollen bzw. vorausgesetzt wird, dass das einfach so geht. Sich dagegen zu behaupten fällt zusehends schwerer. Außerdem ist wahrscheinlich mittlerweile wirklich alles schon fotografiert, da wird es schwieriger, mit Bildern noch zu faszinieren. Früher konnten Reisefotografen Menschen noch beeindrucken, wenn sie Bilder aus fernen Ländern mit nach Hause gebracht haben, heute ist fast jeder Blickwinkel aus jedem Land der Welt auf Medien wie Instagram zu finden, teilweise sogar sehr ansprechend fotografiert. Es wird jedoch oft unterschätzt, wie groß der Aufwand ist solches Material „auf Bestellung“ zu produzieren, was ja die Herausforderung für den professionellen Fotografen ausmacht. Nicht jeder, der schon mal einen „Zufallstreffer“ auf Instagram erfolgreich geteilt hat, wäre in der Lage, solch ein Foto auf Ansage herzustellen – das wird heute oft vergessen.

Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
In einem architektonisch reizvollen Gebäude in der Einöde, am besten in einer Wüste. Ich liebe den Reiz der „unbezwingbaren Natur“. Schon seit meinen ersten Fahrten durch die kalifornischen Wüstengegenden bin ich totaler Fan dieser Landschaft. Wenn dann noch, mit gestalterisch sicherer Hand eine stilvolle Architektur hinzugefügt wurde, ist mein Glück vollkommen. Also konkret: morgen würde ich gerne in John Lautners „Elrod Residence“ wach werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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