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Interview: Im Gespräch mit Ilan Hamra

Im Rahmen der aktuellen Ausgabe von “BLICKFANG – Deutschlands beste Fotografen 2012/2013″ trafen wir Ilan Hamra in Hamburg zum Gespräch.

Ilan Hamra, gebürtiger Berliner, lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin. Vater Stadtplaner aus Syrien, Mutter deutsche Pfarrerin. Absolvierte eine Grundaus-
bildung in Schauspiel und wirkte bei verschiedenen Bühnenprojekten mit. 1994-1997 Ausbildung zum Fotodesigner am Lette-Verein. Seit 2002 Mode-Editorials und Portraits für namhafte Magazine. 2001-2005 Geschäftsführer der eigenen Postproduction „Foyer Digital“ mit Kunden weltweit. Seit 2006 Fotostudio in Hamburg, international als Werbefotograf und im Editorial tätig. Seine Arbeiten wurden mit mehreren Auszeichnungen gewürdigt und finden international Beachtung.

Ilan, wie bist Du überhaupt zur Fotografie gekommen?
Ursprünglich habe ich eine private Schauspielschule besucht und schon zu meiner Schulzeit in freien Theater- und Tanzproduktionen mitgewirkt. Die Berliner Tanz- und Theaterszene erlebte ja nach der Maueröffnung in den 90er Jahren eine große Blüte. Viele neue Strömungen entstanden. Schauspiel, Tanzimprovisation, Musik, Video und Fotografie wurden manchmal miteinander kombiniert, neue Ausdrucks-formen wurden ausgetestet. Ich war eigentlich in allem etwas involviert. Es war keine leichte Entscheidung mich dann vom Berufswunsch Schauspiel auf die Fotografie zu verlegen. Aber dennoch war die Fotografie das Medium, bei dem ich das Gefühl hatte, am unmittelbarsten arbeiten zu können und die größte Kontrolle über ein komplettes „Werk“ zu haben.


Wo liegen Deine fotografischen Schwerpunkte und weshalb?
Meine Schwerpunkte liegen in inszenierten Geschichten oder darin eigene, in sich geschlossene Welten zu konzipieren. Oftmals auch mit surrealistischem oder ironischem Einschlag. In Editorialprojekten ist die Mode das Feld, welches den größten gestalterischen Raum lässt. Aber auch einem schlichten Portrait kann ich viel abgewinnen. In der Werbung finde ich es umgekehrt spannend, wenn es darum geht, eine Geschichte detailreich mit einem einzigen Bild zu erzählen oder „neue“ Bildsprachen zu finden. Insgesamt empfinde ich die Filmwelt als ein vorbildhaftes Medium, weil hier oftmals mehrere Genres zu einem Gesamtwerk verschmelzen. In jedem Film kann gewissermaßen sowohl Mode, als auch Charakter, als auch reine Geschichte oder Umfeld auftauchen.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Erzählerisch, emotional, detailverliebt. Obwohl es meist um Menschen geht, spielt außerdem die räumliche und grafische Wirkung eine große Rolle für mich. Und viele Arbeiten haben meist mehr als nur eine Bedeutungsebene, ohne dass sich dies dem Betrachter aber aufzwängen muss.

Was zeichnet Deiner Meinung nach ein herausragendes Foto aus?
Ich finde es wichtig, dass Geschichten nicht monokausal gestrickt sind. Herausragende Fotografie geht für mich zuerst vom Inhalt oder Menschen aus, das zweite Kriterium ist natürlich die Qualität der Umsetzung.

Wie bereitest Du Dich auf ein Shooting vor und spielt der Zufall bei Deinen Arbeiten auch eine Rolle?
Bei mir war schon immer alles sehr genau geplant. Dazu stimme ich mich stets mit meinem Team ab, schreibe Briefings oder mache Skizzen und schaue, dass auch alles in die besprochene Richtung läuft. Doch beim Shooting selbst ist der Zufall auch ein sehr wichtiger Gestaltungsfaktor. Denn da das Gedachte und das Reale nie deckungsgleich sind, muss man eigentlich immer spontan und intuitiv improvisieren können.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten können?
Eigene Projekte haben für mich einen sehr hohen Stellenwert. Ich probiere gerne neue Dinge aus: Eines meiner nächsten Modeprojekte wird vermutlich mit einer komplett virtuell aufgebauten Kulisse arbeiten.

Gibt es Arbeiten auf die Du ganz besonders stolz bist oder mit denen Du besondere Erinnerungen verbindest?
Da fast jedes Projekt bei mir ein eigenständiges und anderes ist als seine vorher-gehenden Projekte, verbinde ich mit jedem einzelnen besondere Erinnerungen. Mein gerade erst in diesem Frühjahr fertiggestelltes „Golden Age“-Projekt beispielsweise ist eine assoziative Geschichte, die an die gesellschaftliche Dekadenz der Zwanziger Jahre angelehnt ist und die ich mit mehr als zwanzig verschiedenen Schauspielern, Modellen und Laien in Berlin realisiert habe.
Wie ich finde ein zeitlos aktuelles Thema, nach einem erneuten Jahr mit vielen an Absurdität grenzenden Nachrichtenmeldungen – ob man nun an die Finanzwelt denkt oder an Skandale um europäische Staats- oder IWF-Präsidenten – fragt man sich doch, wie zivilisiert unsere „moderne“ Gesellschaft wirklich ist. Jedoch ging es mir eher um das Einfangen einer gesellschaftlichen Stimmung als um eine konkrete Geschichte. Diese Arbeit war natürlich auch deshalb von besonderer Bedeutung für mich, da ich ja einen persönlichen Bezug zum Schauspiel habe und ich hier einmal der Interaktion und Emotion einen Vorrang vor anderen gestalterischen Aspekten gegeben habe. Mein allerneustes Projekt schlägt dagegen wieder eine andere Richtung ein: Eine Mode/Beauty-Geschichte, die mit dem Versinken und Auftauchen aus Sandflächen zu tun hat. Das Konzept zu dieser Arbeit war so umfangreich, dass es gut denkbar ist, dass ich noch eine zweiten Teil realisiere.


Gibt es aktuell Fotografen-Kollegen aus Deutschland, deren Arbeiten Du für herausragend oder innovativ hältst?
Meine Sympathie gilt zuerst immer denen, die sich jenseits vom Mainstream mit kreativen Arbeiten durchsetzen können. Hier sei sei aus meinem Umfeld der 3D-Fotograf Sebastian Denz erwähnt, der für seine Ausstellungsprojekte auf selbstentwickelten, stereoskopischen Großformat-Kamerasystemen arbeitet.

Was schätzst Du an Deiner Tätigkeit als Fotograf und auf welchen Part könntest Du auch gerne verzichten?
Ich find es toll, sich Dinge auszudenken und mit anderen Kreativen von Anfang bis Ende umsetzen zu können. Es gibt im Grundsatz wenig an meinem Beruf, das ich nicht gerne machen würde, bis hin zu Castings oder technischen Zeichnungen. Als zweischneidig empfinde ich manchmal die starke Bindung an den Computer, mit wenig Tageslicht und Bewegung. Auf der einen Seite ist es eine enorme Bereicherung, wenn Ideen, die noch vor ein paar Jahren völlig utopisch schienen, plötzlich realisierbar sind. Andererseits wird dadurch auch in der beruflichen Praxis der Schwerpunkt von der reellen Fotografie mehr auf ihre Nachbearbeitung hin verlagert – Stichwort „Postproduction“, die ich ja viele Jahre durchlaufen habe. Jedoch hat die Qualität einer Fotoproduktion, angefangen von Licht bis hin zu Styling, nach wie vor die größte Bedeutung, denn hier entsteht gewissermaßen die Seele eines Bildes.

Deine Basis ist in Hamburg. Weshalb und was schätzt Du an der Stadt sowohl beruflich, als auch privat?
Meine Basis ist zur Zeit sowohl Hamburg als auch Berlin. Ich bin ja in Berlin aufgewachsen und habe dort in Berlin-Mitte einen festen Arbeitsraum, insbesondere für Castings oder Vorbereitungen. Hamburg ist im Vergleich etwas glatter, Berlin etwas rauher, die Städte ergänzen sich daher perfekt für mich. Wobei sich die beiden Städte in den letzten 10 Jahren schon aneinander angeglichen haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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