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Interview: Im Gespräch mit Rui Camilo

Rui Camilo, 1964 in Lissabon geboren, aufgewachsen auf der Farm seines Vaters in den Serra da Estrela Bergen. Mit sechs Jahren zog er an die Küste bei Lissabon, seit 1975 lebt er in Wiesbaden. Nach dem Studium zum Kommunikationsdesigner und einigen Jahren als Assistent begann er als Fotograf für Werbeagenturen und Magazine zu arbeiten. Durch die Verbindung von kommerzieller und redaktioneller Fotografie ist Rui in praktisch allen Bereichen der Fotografie zu Hause und weltweit unterwegs. Er wird von Hauser Fotografen vertreten. Im Rahmen der BLICKFANG-Jubiläumsausgabe (Band 10) konnten wir Rui einige Fragen stellen.

Wie und wann bist Du das erste Mal mit Fotografie in Berührung gekommen und was zeigt Dein erstes Foto, welches Du bewusst aufgenommen hast?
1974, mit 10 Jahren, hörte ich davon, dass man mit einer Polaroid Kamera Bilder machen konnte, die sich selbst entwickeln. Meine Großmutter habe ich so lange genervt bis sie mir – überraschenderweise – eine SX-70 kaufte und eine Packung Polaroidfilme. Das erste Bild an das ich mich erinnere, war ein Foto von zwei Tigern, welche im Zoo von Lissabon an einem Autoreifen zerrten. Als die erste Packung Polaroid-Filme belichtet war, bedeutete das vorerst auch das Ende meiner Fotografenkarriere, da die Filme relativ teuer waren und meine Großmutter nicht willens war den Nachschub zu finanzieren. Mit ca. 15 Jahren flackerte die Liebe zur Fotografie wieder auf und mit 18 Jahren schenkte mir meine Mutter meine erste Kleinbildkamera, eine Canon AE-1 Program.

Was hat Dich dazu bewogen Fotograf zu werden?
Die Entscheidung Fotograf zu werden war keine merkantile Entscheidung, es war die Entscheidung für eine bestimmte Existenz. Ich wollte immer möglichst selbstbestimmt und frei arbeiten können und dabei die Welt sehen. Zu einem großen Teil hat sich das auch erfüllt, obwohl ich mir einige dieser Freiheiten im Laufe meines Fotografendaseins neu erkämpfen musste. Ach ja, und der Film „Under Fire“ mit Gene Hackman und Nick Nolte als Fotograf tat sein übriges.



Wie sah Dein Start in den Beruf genau aus? Hast Du eine klassische Fotografen-Ausbildung und evtl. Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Ich war anfänglich sehr unwissend, wie man es am besten anstellt Fotograf zu werden und kannte persönlich keinen Fotografen der mir dabei hätte helfen können. Ich begann mich als Fotolehrling zu bewerben, aber da mich keiner haben wollte fing ich als Fotolaborant an. Damals war ich nicht besonders glücklich darüber, aber im Nachhinein war es ein guter Start, da es ein Labor war, wo man alles von der Pike auf lernte (Filme entwickeln, richtig Printen und entwickeln, etc.). Nach einem Jahr bekam ich die Gelegenheit bei einem Fotografen zu arbeiten. Nach Beendigung meiner Lehre war mir klar, dass das noch nicht alles sein kann und ich begann ein Studium zum Kommunikationsdesigner mit Schwerpunkt Fotografie an der FH Wiesbaden. Das war auch die Zeit in der ich begann als Assistent zu arbeiten.

Deine Schwerpunkte liegen heute in den Bereichen People, Landscape und Architecture. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Anfänglich, was wahrscheinlich ganz natürlich ist, waren die äußeren Einflüsse sehr dominant und es war spannend zu erleben wie mit der Zeit und der intensiven Auseinandersetzung mit der Fotografie, langsam meine ganz eigene Fotografie daraus entstand. Ein Prozess der nie aufhört, einen immer lebendig hält und sich neu erfinden lässt. In den genannten Schwerpunken werde ich oft gebucht, aber eigentlich möchte ich mich da gar nicht so festlegen. Die Fotografie ist ein weites Feld und ich will mich nicht einschränken. Inzwischen ist Portraitfotografie ein wichtiger Teil geworden und oft sind es genau die Themen mit denen man sich nicht schwerpunktmäßig auseinadersetzt, die die einen weiterbringen.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Mensch oder Dinge und Raum bilden eine Einheit, die ich versuche in einen graphischen Zusammenhang zu bringen und zu visualisieren, mal mehr, mal weniger inszeniert, so wie es sich natürlich für mich anfühlt. Klarheit und Komposition sind mir wichtig und liegen mir, aber gerade darum bereitet es mir auch Freude aus diesem Rahmen auszubrechen, was mir nicht immer leicht fällt.




Was inspiriert Dich?
Träumer, gute Fotos und Fotobücher, Musik, meine Familie, das Leben an sich …

Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich besonders stolz? Oder vielleicht etwas einfacher gefragt, welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder gerne an?
Als Fotograf weiß man irgendwann wie wertvoll ein richtig eingefangener Moment ist, egal ob es eine inszenierte, gut vorbereitete Aufnahme ist oder ein schneller Augenblick während einer Reportage und es durchfährt einen jedesmal ein schönes Gefühl aus Dankbarkeit, Glück und Energie bei dem Gedanken, dass man diesen Moment genau so fotografisch eingefangen hat. Ich schaue mir auch immer wieder gerne Bilder an, die für mich einen Sprung in meiner Entwicklung bedeuten, meine ganz persönlichen Meilensteine. Vielleicht für Außenstehende nichts besonderes, aber für mich umso mehr.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Einige der vielen Ideen umzusetzen, die im eigenen Kopf herumschwirren wie Motten um das Licht und leider manchmal auch wie diese verbrennen, wenn sie nicht umgesetzt werden.

Gibt es einige Fotografen-Kollegen, speziell mit Fokus auf Deutschland, deren Arbeiten Du besonders schätzt?
Ne Menge.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Ein wirklich gutes Foto berührt jeden auf seine Weise, egal ob man das Foto versteht oder nicht, und man vergisst es genau so wenig wie den ersten Kuss.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Film“. Inwieweit ist das auch für Dich interessant?
Da viele Kleinbildkameras filmen können ist leider der Eindruck entstanden, dass man mal nebenbei auch ein Filmchen mitdrehen kann. Das sehe ich nicht so. Ich hatte Gelegenheit an vielen ARTE Produktionen teilzunehmen und habe gesehen, wie gute Regisseure und Kameramänner arbeiten. Gute Filme zu machen, ob kurz oder lang, bedarf der gleichen Vorbereitung und Hingabe wie ein gutes Foto zu machen.






Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich?
Freie Arbeiten sind das Salz in der Suppe. Da entstehen in der Regel die Bilder, die mich antreiben und mir Kraft geben. Einige freie Arbeiten plane ich, viele entstehen auf der Durchreise. Es ergeben sich ständig Gelegenheiten für freie Arbeiten. Ich nenne es einfach nur fotografieren. Im Augenblick arbeite ich an einem Buch-Projekt „34 hours“, ein Essay über einen kurzen Aufenthalt in Südafrika, in dem ich mit einer deutschen Delegation verschiedene Hilfsprojekte besucht habe.

Welche Kamera(s) nutzt Du?
Ich fotografiere mit Canon und Phase One, aber eigentlich spielt das für mich keine große Rolle. Die Kameras müssen zuverlässig funktionieren und meinen Erwartungen entsprechen. Ich bin immer etwas hilflos wenn ich gefragt werde welche Kamera ich empfehlen würde.

Kannst Du uns Websites/Apps nennen, die Du häufig besuchst/nutzt?
www.photoeye.com, www.ai-ap.com, www.bjp-online.com.

Du hast einiges von der Welt gesehen und in diversen Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen und weshalb?
Gerade weil ich so viel reise: zu Hause. Aber Lissabon, meine Geburtsstadt, wäre auch eine Option!

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.rui-camilo.de
   www.hauserfotografen.de
   zum Onlineprofil
 

1 Kommentar

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  1. Mon dieu – wie inspirierend, dass ich nun schon seit fast 30 Jahren deinen Weg begleiten darf. Bergfest!!

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