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Ein Artikel von Tim Müller: »Zwischen Sein und Schein«

Der Berliner Fotograf und Regisseur Tim Müller mit Repräsentanz in London, New York und Los Angeles ist weltweit für neue Motive seiner Schwerpunkte Urban Lifestyle, People, Portrait und Landscape unterwegs. Für die 10. Ausgabe von BLICKFANG hat Tim den Artikel »Zwischen Sein und Schein« verfasst, den wir nun auch online zeigen. Viel Spaß beim lesen!

 

ZWISCHEN SEIN UND SCHEIN

Authentisch. So sollen die Bilder heute sein, egal, ob bei Foto oder Film. Nichts kommt in der Werbung weniger gut an, als gestellte, stockige Bilder. Vielleicht resultiert dieser Wunsch aus der digitalen Bilderflut der jederzeit abrufbaren kommerziellen Bilddatenbanken, in denen jedes Motiv für jeden Geldbeutel quasi schon vorgefertigt zu schlummern scheint. Man will etwas Neues erschaffen, etwas, das es dort genau so eben noch nicht gibt und damit gleichzeitig zeigen, dass Bilddatenbanken individuell auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnittene Aufnahmen nicht ersetzen können.

Aber was heißt das eigentlich, „authentisch“?

Um sich der Bedeutung anzunähern hilft es, sich der einschlägigen Lexika zu bedienen. Der Duden gibt als Synonyme an „beglaubigt, belegt, dokumentiert, echt, gesichert, glaubwürdig, sicher, ungeschönt, unverfälscht, verbürgt, verlässlich, wahr, zuverlässig“. Vertraut man der Definition in der Wikipedia so bedeutet Authentizität Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Weiter führt man dort aus: „Authentizität bezeichnet eine kritische Qualität von Wahrnehmungsinhalten (Gegenständen oder Menschen, Ereignissen oder menschliches Handeln), die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden. Die Scheidung des Authentischen vom vermeintlich Echten oder Gefälschten kann als spezifisch menschliche Form der Welt- und Selbsterkenntnis gelten.“


DER WUNSCH NACH DEM AUTHENTISCHEN BILDSTIL IN DER WERBUNG SPIEGELT DAMIT DAS VERLANGEN NACH DEM WAHREN, DEM ECHTEN, DEM UNGESCHÖNTEN LEBEN WIDER. „HEILE-WELT-BILDER“ SIND PASSÉ.

Und doch handelt es sich auch bei den Werbeaufnahmen von heute um Inszenierungen des Echten. Das beginnt bei den Briefings und Storyboards, führt über die Castings und Locations bis hin zur Postproduktion. So wird in den Briefings detailliert vorgegeben, wie das finale Motiv aussehen soll. Für das Casting werden „echte Menschen“ mit Ecken und Kanten gewünscht und doch werden am Ende häufig diejenigen Darsteller ausgewählt, die eben dann doch „massentauglich“ sind. Die Locationscouts geben sich größte Mühe um möglichst natürlich wirkende private Häuser oder Wohnungen zu finden, nur um diese am Ende teils komplett auszuräumen und neu zu proppen. Und last, but not least wird das echte Motiv dann in der digitalen Bildbearbeitung perfektioniert. Alles soll zwar authentisch, dann aber auch wieder nicht zu authentisch sein.

Ich will diese Vorgehensweise hier nicht in einem Rundumschlag an den Pranger stellen, denn sie ist in der Werbung zum Teil unumgänglich.

Es geht mir um die Frage, wie ich als Fotograf mir selbst und meinem Anspruch an meine photographische Leistung trotz alledem treu bleiben kann.



Mir hat dabei zum Einen meine Herkunft aus der Werbebranche geholfen. Denn selbst Werbung gemacht zu haben, sowohl auf der Seite der Agentur, als auch auf der des Kunden hat mein Verständnis für die Notwendigkeit klarer Vorgaben in Form von Briefings und Storyboards geprägt. Es geht hier um Marktforschung, Konsumentenverhalten und darum, welche Aussagekraft Bilder haben sollen, um eine Marke zu prägen.

Zum Anderen habe ich durch das häufige Arbeiten mit Laien, den „echten Menschen“, gelernt wie wichtig mein eigenes Storytelling ist. Nur wenn ich ich selbst, also authentisch bin kann sich das auf die Darsteller übertragen und in den Bildern widerspiegeln. Als Fotograf und Regisseur ist es meine Aufgabe am Set für eine Atmosphäre zu sorgen, die die Darsteller so entspannt sein lässt, dass sie eben authentisch sind. Durch das Erzählen der jeweils passenden Geschichte entführe ich sie in die Gefühls- oder Erlebniswelt, die es bildlich umzusetzen gilt. Die größte Herausforderung, aber auch der größte Spaß ist dabei das Arbeiten mit Kindern. Denn habe ich ihnen erst einmal ihre Befangenheit genommen, können sie nicht anders, als authentisch zu sein.


Und schließlich nutze ich auch noch die Möglichkeit des Einsatzes einfacher technischer Kniffe, um möglichst authentische Resultate zu erzielen: wenn die Kamera z. B. nach dem Cut noch ein wenig weiterläuft oder die Darsteller noch gar nicht oder nicht mehr damit rechnen, dass ich auslöse, ergeben sich oft die besten Szenen und Bilder.

Somit habe ich als Fotograf durchaus verschiedene Möglichkeiten die Forderung nach Authentizität der Bildsprache durch meinem eigenen Arbeitsstil zu prägen und so der geschönten Wirklichkeit wieder ein Stück Echtheit zurück zu geben. Das verstehe ich als einen wichtigen Teil meiner photographischen Leistung.

 

ZUR PERSON:
Der Fotograf und Regisseur Tim Müller lebt und arbeitet in Berlin, New York und Kapstadt. Tim hat nach seiner Ausbildung zum Werbekaufmann ein BWL Diplomstudium mit Schwerpunkt Marketing absolviert. Schon während seiner Ausbildungszeit hat er sich immer wieder mit der Fotografie beschäftigt und diese dann zu seiner Profession gemacht. Aus persönlichem Interesse hat Tim neben der Fotografie noch einen Master of Arts mit den Schwerpunkten Coaching, Consulting, Change Management und Communication absolviert. Tim Müller hat für eine Reihe namhafter internationaler Werbekunden weltweit gearbeitet. Außerdem wurde Tim viermal in Folge vom Lürzer’s Archiv für die „Best 200 AD Photographers Worldwide“ in 2012/13, 2014/15, 2016/17 und erneut in 2018/19 ausgewählt.

 
Links:
   www.tim-mueller.com
   www.cakefactory.com
   zum Onlineprofil
 

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