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Interview: Im Gespräch mit Estelle Klawitter

Estelle Klawitter stand erst einige Jahre vor, dann neben und erst dann hinter der Kamera, obwohl sie nie etwas anderes werden wollte als Fotografin. Sie lebt in Düsseldorf, mit einem halben Bein in Hamburg oder sonstwo auf der Welt und arbeitet vorrangig im Studio im Bereich Beauty-, Mode- und Portrait-Fotografie. Zudem wurde ihr Kinofilm WORTBROT (Drehbuch & Regie) 2006 im Rahmen der Berlinale gezeigt. Wir konnten ihr für unsere Jubiläumsausgabe (Band 10) einige Fragen stellen.

Was hat Dich dazu bewogen Fotografin zu werden?
Als ich etwa 6 Jahre alt war, habe ich mich oft in einer großen Holzkiste versteckt, die mein Großvater zur Aufbewahrung unserer Spielsachen gezimmert hatte. Wenn man den Deckel von Innen einen Spalt öffnete konnte man aus dem Dunkel der Kiste heraus einen Ausschnitt festlegen. In dem hellen Ausschnitt gingen die Beine meiner Mutter mit dem Staubsauger vorüber, mein Bruder baute Legohochhäuser davor und meine kleine Schwester starrte mit riesigen hellblauen Augen zu mir ins Dunkel der Kiste, in der ich wie in einer überdimensionierten „Camera Obscura“ hockte. Mit diesem Spalt, diesem selbst festgelegtem Ausschnitt und der Konzentration auf das Gesehene, fing wohl alles an.

Kannst Du Dich noch erinnern, was Dein allererstes Foto zeigt, welches Du ganz bewusst aufgenommen hast?
Meinen Albino Hamster Moritz, wie er auf dem grünen Teppich unser Diele vor seinem Käfig sitzt. Die Kamera, eine Agfa Sucherkamera, hatte ich von meinen Eltern zum 11. Geburtstag geschenkt bekommen, weil ich Fotografin werden wollte! Leider war das Foto total unscharf! Da war schnell klar, man muss erst mal lernen wie das Werkzeug funktioniert. Ich glaube aber, dass man mit dem Talent, tolle Fotos zu shooten, geboren werden muss! Das kann man nicht lernen.



Wie sah Dein Start in den Beruf genau aus?
Mit 16 wurde ich von einer Pariser Modelagentur entdeckt und unter Vertrag genommen und bekam so als Model Zutritt in Studios bekannter Fotografen. Mit 19 fing ich an befreundete Modelle zu fotografieren. Als ich die Fotos herumzeigte war da großes Interesse. Besonders für die Make-ups, denn ich hatte die Models selbst geschminkt. Ich folgte dem Vorschlag meiner Bookerin nebenher als Make-up Artist zu arbeiten. Zu meiner eigenen Verwunderung vermittelte sie mich, quasi aus dem Stand heraus, zu Top-Gagen im In- und Ausland. Ich war plötzlich nicht mehr Objekt, sondern Teil des Teams, konnte konzeptionell am Foto mitarbeiten, was mir viel besser gefiel. Nebenher habe ich angefangen mich für Film zu interessieren und drehte Low-Budget-Video-Clips für Indie-Bands und fotografierte in der Musikszene ein bisschen herum. Mein damaliger Freund war Sänger in einer bekannten Band und konnte mir bei MTV und VIVA Türen öffnen. 1997 war mir dann endlich klar, wenn ich so weiter mache und den lukrativen Job als Make-up Artist nicht endlich aufgebe, dann mache ich das wohl nie! Konzentriert habe ich dann 1998 an meinem Portfolio als Fotografin gearbeitet. 1999 ging ich ganz offiziell mit einer fertigen Mappe los und einer Webseite online.

Deine Schwerpunkte liegen heute in den Bereichen Fashion, Beauty und Portrait. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Ich fotografiere leidenschaftlich gerne Menschen. Dabei versuche ich immer die schöne und positive Seite zu zeigen. Wende mich lieber dem Licht zu, als dem Schatten. Im Leben ist das nicht immer möglich, aber in der Fotografie erlaube ich mir diese Haltung! Mode und Make-up eröffnen eine riesige Spielwiese, jede Saison bringt neue Looks hervor, dass macht unglaublich viel Spaß! Ich würde aber auch mit Hingabe Dosengemüse in Szene setzen! Vor zehn Jahren wurde ich beauftragt den 12-seitigen Citroën Kalender zu shooten, obwohl in meinem Portfolio nicht ein einziges Auto vorkommt! Das fand ich recht mutig von der Agentur. Solchen Herausforderungen würde ich mich gerne öfters stellen.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Clean aber nicht antiseptisch. Klar und minimal, statt schrill und überladen. Ich denke meine Fotos sind konkret reduziert auf das wesentliche, interessante oder schöne Detail, das dann mit dem Konzept der Marke matched, oder unkompliziert die Idee des Editorials erzählt.



Auf welche Deiner Arbeiten bist Du besonders stolz oder vielleicht einfacher gefragt, welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder gerne an?
Eher aktuelle Arbeiten. Stolz ist zudem ein pathetisches Wort, ich würde es eher Freude nennen, da an meiner Arbeit meist auch noch ein paar Leute mehr beteiligt und für das Ergebnis mitverantwortlich sind.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Mit einem Shuttle zur ISS starten. Außerhalb der Gravitation ein cooles Editorial shooten!

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Das man es nicht vergisst! Und was mich immer wieder fasziniert, ist, dass man mit einem Foto die Zeit anhalten kann. Der eingefrorene Moment konserviert den Zeitpunkt des Auslösens und offenbart viel mehr als das Auge in dem kurzen Bruchteil hätte sehen können.

Was inspiriert Dich?
Urlaub! Immer wenn ich abschalten will kommen mir die tollsten Ideen!

Welche Kamera(s) nutzt Du?
Kommt ganz auf den Auftrag an! Die Systeme beziehe ich aus dem Rent, so kann ich immer mit der neusten Technik arbeiten. Privat habe ich eine NIKON D800. Mit ihr shoote ich öfters freie Foto- und Film-Projekte.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Film“. Inwieweit ist dies auch für Dich interessant?
2006 wurde mein Kinofilm WORTBROT im Rahmen der Berlinale gezeigt und für den deutsch-französischen Kinema Preis nominiert. In den letzten Jahren habe ich mich mehr auf die Fotografie konzentriert. Einen Film zu planen frisst zwei, drei Jahre deines Lebens auf, bevor eine echte Chance besteht, dass der Streifen endlich gedreht wird.



Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Freie Projekte realisiere ich oft, alleine schon um mit neuen Techniken zu experimentieren. Außerdem gibt es Bilder die will man machen, und die muss man auch machen, sonst liegen sie im Kopf herum und nerven.

Du hast schon einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
In Deutschland, in Europa, vorzugsweise in einem Land in dem ich offen meine Meinung sagen darf und in dem die Menschenrechte gewahrt werden. Dort möchte ich mit positiven Menschen kreativ zusammen arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.estelleklawitter.de
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