georgroske_interview1b

Interview: Im Gespräch mit Georg Roske

Georg Roske ist in Leipzig, 1983, geboren und im Oderbruch aufgewachsen. Er lebt und arbeitet seit 15 Jahren in Berlin mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern. Sein handwerkliches und kreatives Können wird gern der Lifestyle-, People und Reisefotografie zugeordnet. Vertreten wird er von Tobias Bosch. Wir haben Georg im Rahmen unserer Jubiläumsausgabe (Band 10) einige Fragen gestellt.

Wie und wann bist Du das erste Mal mit Fotografie in Berührung gekommen und was zeigt Dein erstes Foto, welches Du bewusst aufgenommen hast?
Meine erste richtige Aufnahme habe ich 2003 in Varanasi/Indien gemacht. Die Fotografie zeigt eine Hauptstraße von Varanasi auf der Moderne und Tradition im Kontrast stehen. Man sieht alte Fahrräder, alte Lautsprecher und Zeichen wie „Internet Café“ und aktuelle Fahrzeuge. Im Mittelpunkt läuft eine ältere Frau, die einer Kuh ausweicht. Diese Fotografie zeigt Indien im Alltag, so wie ich es wahrgenommen hatte und sie ist für mich dadurch zu einem Stück Zeitgeschichte geworden.

Was hat Dich dazu bewogen Fotograf zu werden und was macht die Tätigkeit für Dich so interessant?
Ich habe kein gutes Abitur abgelegt und war nie wirklich interessiert an einem Beruf mit Festanstellung. Deshalb studierte ich an der Universität der Künste, Visuelle Kommunikation, mit dem Schwerpunkt Medientheorie. Nebenbei verdiente ich mein Geld mit der Fotografie und nutzte diese stark als Kommunikationsmittel. Ich wurde darin immer besser und mein Netzwerk entwickelte sich. Heute kann ich davon gut leben und entdecke immer wieder Neues. Fotograf zu sein bedeutet, dass es nicht langweilig wird. Man bleibt in Bewegung und hat am Ende viele Beweise und Erinnerungen von seinem gelebten Leben. Meine Berufung hat mich bis hierher gebracht und darauf bin ich sehr stolz. Wer kann schon sagen, dass er mit Fotos eine ganze Familie ernährt, viel Freizeit hat und fürs Reisen bezahlt wird?

Wie sah Dein Start in den Beruf denn genau aus? Hast Du eine Fotografen-Ausbildung oder eventuell Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Ich habe, wie gesagt, Visuelle Kommunikation and der Universität der Künste studiert. In der Universität lernte ich viel von Prof. Dr. Siegfried Zielinski über Medientheorie. Von Prof. Joachim Sauther lernte ich das Medium an sich besser zu verstehen und konnte durch ihn meinen Abschluss machen. Nebenbei assistierte ich bei Alexander Straulino und Ingo Robin. Bei Straulino habe ich gelernt, wie man im Studio arbeitet und wie die Szene funktioniert. Bei Ingo Robin habe ich gelernt, wie man mit Tageslicht und Locations umgeht. Später, im Beruf, habe ich Michael Schickinger als einen weiteren Lehrer gefunden. Er brachte mir bei, wie man dirigiert und nicht aufgibt, bis man das richtige Motiv gefunden und fotografiert hat. Im späteren Agenturalltag lernte ich unter anderen Simone Gutberlet (C3 Agentur) kennen. Ohne Sie wäre ich niemals so weit gekommen. Von ihr lernte ich, dass Loyalität und Vertrauen doch noch existieren und geschätzt werden. Die wichtigste Ausbildung jedoch bekam ich vom Hause aus, von meinem Vater. Er lehrte mich den Umgang mit Menschen und die nötige Selbstreflexion, die ich tagtäglich benötige, nicht nur wenn ich Menschen portraitiere oder mich in komplizierten Momenten fotografisch und persönlich festlegen möchte. Ich danke allen dafür. Auch meine engen Freunde, wie Jan-Kristof Lipp oder Ben Roth haben viel mit meinem Start zu tun. Von Jan lernte ich visuelles Denken und Konzepte zu konkretisieren. Ben Roth gibt mir bis heute Inspiration und hat mir meine erste Kamera gegeben.




Deine Schwerpunkte liegen heute primär in den Bereichen Lifestyle, People und Travel. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Mich reizt kein konkreter Bereich in der Fotografie, mich reizt die Vielfalt und der soziale Umgang mit Momenten, Menschen und der Umwelt. Bereiche wie Lifestyle, Portraits und Produkte, die das Leben verschönern oder leichter machen bringen dies von sich aus mit. Ich genieße dieses Zusammenspiel und lasse mich darin treiben, bis wieder ein Moment festgehalten ist, der nicht ausschließlich kommerziellen Nutzen hat, sondern auch wieder ein Stück Zeitgeschichte in sich trägt und von mir beeinflusst und festgelhalten wurde. Dann habe ich oft ein Gefühl der Glückseligkeit, eine Art Selbstbefriedigung ohne existenzielle Zusätze.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Mein Stil ist ein Mix aus Authentizität, Einfühlungsvermögen und dem perfekten Moment, der sowohl intuitiv als auch handwerklich kalkuliert ist.

Auf welche Deiner Arbeiten bist Du besonders stolz oder vielleicht einfacher gefragt, welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder gerne an?
Die Fotografie an sich, ist wie eine Malerei, die es geschickt schafft einem die Realität vor zu gaukeln. Am liebsten schaue ich mir Fotografien von mir an, die nah an einer Malerei sind. Zum Beispiel Schwarz-Weiß Aufnahmen, die für mich aussergewöhnliche und persönliche Momente zeigen. Vilem Flusser, ein Medienphilosoph, sagte 1983, in meinem Geburtsjahr, dass das „Fotografische Universum“ bald aufgebraucht sei“. Die Digitalisierung der Fotografie machte an diesen Satz einen Punkt. Leider bin ich genau in dieser Zeit aufgewachsen und habe nur wenig Chancen mich wirklich fotografisch zu verewigen. Ich bin also auf Arbeiten stolz, die etwas Neues zeigen und nicht nur kopiert sind. Leider ist dies heutzutage sehr schwer und deshalb erfreue ich mich dann doch öfter an Arbeiten von mir, die etwas zeigen, so wie ich es mir vorgestellt hatte oder auch an denen, die mich überraschen.

Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Im Oktober 2018 wurde mein erstes Buch veröffentlicht, welches ich gemeinsam mit meinem Vater erarbeitet habe. Es beschäftigt sich mit existenziellen Themen, wie dem Umgang mit dem Tod und deren Ängsten und Verhaltensweisen. Ich habe dabei fotografisch mehrere Leute in den Tod begleitet und mein Vater berichtete darüber. Gern würde ich weitere Kulturen und ihren Umgang mit der Endlichkeit fotografisch begleiten und als ein weiteres Buch veröffentlichen. Einen ersten Schritt in diese Richtung habe ich wieder nach Indien gewagt. Nächste Woche geht es nach Indonesien und deren Geister.

Gibt es einige Fotografen-Kollegen, speziell aus Deutschland, deren Arbeiten Du sehr schätzst?
Es gibt viele gute deutsche Fotografen! Ich schätze sehr meine Meister Alexander Straulino und Ingo Robin. Straulino für seine konstante Auseinandersetzung mit der Schönheit und Ingo Robin für sein perfektionistisches Handwerk.

Was inspiriert Dich?
Oft inspirieren mich Meinungen von Menschen mit denen ich zusammenarbeite. Oft erhalte ich dadurch gute Ratschläge, die ich in den Prozess integriere. Wenn das nicht der Fall ist, dann sind es meistens Bildrecherchen, bekannte Ansätze aus existierenden Shootings oder gegebenen Dingen aus meinem momentanen Umfeld die mich inspirieren.

Welche Kamera(s) nutzt Du?
Ich nutze seit 2003 hauptsächlich die Canon EOS Spiegelreflex-Serien. Aktuell fotografiere ich mit der Canon 5D SR. Im digitalen Mittelformat verwende ich am liebsten die Hasselblad H5D-200c wegen der guten Qualität. Bei Drohnen verwende ich gerade die DJI Inspire 2 – X7.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Film“. Inwieweit ist dies auch für Dich interessant?
Ja, es ist interessant und unbedingt notwendig und modern. Der Markt verlangt es und es macht mir auch Freude filmisch Momente umzusetzen. Ich habe mich aber dagegen entschieden parallel auch als DOP zu arbeiten. Ich bleibe mir als Fotograf treu und buche, wenn nötig, mir DOPs dazu. Regie zu übernehmen bin ich bei Photoshootings gewohnt.





Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
2018 war es auf jeden Fall das Buch „Ein Loch ins Wasser bohren“, welches ich gemeinsam mit meinem Vater erarbeitet habe. Die Auseinandersetzung und das Portraitieren von sterbenden Menschen hat mir viel neue Lebensqualität und neue Einblicke gebracht. Auch die Beziehung zu meinem Vater ist dadurch neu aufgeblüht. Ich kann jedem Kollegen nur empfehlen, dass wenn man eine freie Arbeit macht, sie mehrere persönliche Faktoren beinhalten sollte. Die reine Persönliche Befriedigung, sei es durch Reisen oder inhaltliche Wünsche. Die Fotografie sollte technisch eine Herausforderung sein und sollte im Idealfall durchgängig mit jemand geteilt werden den man liebt.

Kannst Du uns drei Webseiten und/oder Apps nennen, die Du regelmäßig besuchst/nutzt?
Natürlich meine Website, Google und Pinterest. Bei Apps nutze ich am meisten Mail, Kalender und Instagram. Gerne nutze ich auch die Playstation, um mal abzuschalten.

Du hast schon einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Das ist einfach – bei mir zu Hause. Hier sind meine Frau und meine zwei Töchter. Mehr brauche ich eigentlich nicht, um glücklich zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.georgroske.de
   www.tobiasbosch.com
   zum Onlineprofil
 

kommentieren