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Ein Artikel von Tino Pohlmann: »Imagination und Wirklichkeit«

Tino Pohlmann arbeitet international als Fotograf in den Bereichen Portrait, Sport, Landschaft und People. Repräsentiert wird er von Stink Berlin. Für unsere BLICKFANG–Jubiläumsausgabe (Band 10) hat sich Tino einige Gedanken zur Fotografie gemacht und diese in dem wunderbaren Text »Imagination und Wirklichkeit« zusammengefasst. Lesen!

 

IMAGINATION UND WIRKLICHKEIT

BILDER

Bereits als Kind hatte ich unermüdlichen Spaß daran Dinge zu beobachten, zu sehen wie Blätter nach einem starken Regenguss erst im Rinnsal, dann im Gullideckel verschwanden. Dabei entstanden tolle Bewegungen und manchmal war es auch ein Wettlauf der Blätter mit choreografischem Ansatz. Beim Zugfahren stundenlang aus dem Fenster auf die Oberleitungen zu schauen, wie sie im Rhythmus auf und ab tanzten oder sich abzweigten. Mich faszinierten die Farben, das sich ständig Wiederholende und das Zufällige, die Schönheit und das Verschwinden dieser Momente. Oft denke ich heute, besonders jetzt beim Schreiben, darüber nach … über die Blätter im Rinnsal, die Oberleitungen und das Vorbeirauschen der Landschaft beim Zugfahren – und im Grunde war und ist es für mich genau diese Faszination der kleinen Dinge und der Wille eben diese Dinge festzuhalten. Bilder zu machen, um das Gesehene zu teilen. Das Festhalten, die Erzählung, die Botschaft und gleichzeitig das Verschwinden von Zeit. Ansel Adams hat es mit dem Satz: „You don’t take a photograph, you make it!“ nicht besser sagen können. Bilder entstehen im Kopf. Ideen entstehen im Kopf. Das Bild als Idee von etwas. Zudem die ständige Suche, es hört nicht auf …


DIE SUCHE

Der Fotograf begreift sich als ständig Suchender, ein Getriebener. Er trägt das Sehen in sich wie jemand, der Klavier ohne Noten spielen kann. Es ist nicht zu lernen. Die Technik hingegen ist erlernbar. Faszination, Freude und das Interesse an Mensch und Natur – banal gesagt – ist für mich der Kernpunkt meiner Arbeit. Für mich sind Bilder, die mich inspirieren, die etwas bei mir auslösen, oft darin begründet, dass sie etwas Imaginäres für mich besitzen. Ich benötige das Gefühl in sie eintauchen zu können. Das Bild und ich müssen eine Verbindung aufbauen. Und dabei hat das Bild dann schon seinen kommunikativen Wert erreicht. Es liegt mir fern darüber zu schreiben, wann ich ein Bild für gut oder weniger gut beurteile. Es muss einfach etwas mit dir machen, dann ist schon so sehr viel erreicht. Frei von technischen Aspekten. Den Fotograf überhaupt nicht spüren. Nur das Gesehene. Das Sujet spielt dabei keine Rolle. Ob Mensch, Portrait, Stillleben oder eine Landschaft. Vermutlich ein Grund dafür, dass es mir schwer fällt, mich auf ein bestimmtes Sujet festzulegen. Das würde mich langweilen und einschränken.

NÄHE UND DISTANZ

Das Thema für mich überhaupt. Im Grunde stellt sich dieses Thema auch jenseits der Fotografie. In allen Lebenslagen. In meinen Bildern jedoch geht es mir um das Verdichten. Ich möchte den Betrachter und seinen Blick auf das Wesentliche lenken. Ihn vom Überflüssigen bewahren. Nähe zum Thema, beziehungsweise zum gegenwärtigen Motiv herstellen, heißt für mich mittendrin sein. Nah dran sein. Und dennoch wird der Betrachter, gepaart mit seiner Sehgewohnheit, dem Bild mit seiner Wirklichkeit begegnen. Das macht die Sache spannend. Spürbar in dem Moment, in dem sich unsere Wirklichkeit ein Stück weit von der Wirklichkeit des Betrachters unterscheidet.






WERKZEUG

Aufgewachsen bin ich mit der analogen Fotografie, auch erste Auftragsarbeiten wurden noch mit Polaroid und Negativ abgewickelt. Ich denke, dass die damalige Begrenzung des Fotomaterials, das Ende einer Filmrolle, noch heute Auswirkung auf meine Arbeitsweise hat. Vielleicht hat man dadurch eher das Bedürfnis sich nicht in endlosen Raw-Daten Sichtungen wiederzufinden. Ja, ich denke das war gut, begrenzt in Material und Menge das Fotografieren gelernt zu haben. Auch denke ich, dass die zeitliche Komponente in der analogen Fotografie das Gefühl für das Bild positiv beeinflusst hat. Nicht sofort die Kontrolle über das gemachte Bild zu haben – so lernte es sich ganz gut in technischen Dingen recht sicher zu werden, um intuitiv arbeiten zu können. Zudem war es immer wieder spannend, mit Zeitabstand endlich erste Negative im Labor zu sichten oder dann im Anschluss Abzüge zu entwickeln. Ganz sicher hat all das das Bildermachen beeinflusst. Jedoch stellt sich heute für mich letztendlich nicht die Frage, ob Analog oder Digital – wichtig ist, dass es starke Bilder werden, die wir Fotografen produzieren und der Welt da draußen zeigen. Ja und ich sehe ganz klar auch die Verantwortung, besonders in dieser, jetzigen Zeit, in der das fotografische Bild einer sehr extremen visuellen Welt der bewegten und stehenden Bildern gegenüber steht.

WIRKLICHKEIT

Wir leben ganz klar in einer Zeit, in der das Bild aus verschiedenen Gründen seiner Authentizität beraubt oder derer gar entzogen wird. Das Bild ist schon lange kein Garant für 1:1 Wiedergabe und Berichterstattung mehr. Ich möchte hier auch nicht klären, ob das der heutige Sinn der Fotografie noch ist, genau das zu bedienen. Ich denke, wichtig ist, dass der Begriff der Wirklichkeit, welche sich aus meiner Sicht nicht abbilden lässt, im Foto einfach nicht überstrapaziert werden sollte. Die Sehnsucht des von Henri Cartier-Bresson so oft diskutierten „perfekten Moment“, das banale Bedürfnis eine Situation, das Erlebte als Erinnerung festzuhalten, um es mit anderen Menschen zu teilen, ist schon so sehr viel und einzigartig.



 

ZUR PERSON:
Tino Pohlmann geboren 1976 in Frankfurt (Oder). Seit 1998 lebt er in Berlin. 2005 Designstudium an der HTW Berlin. Seit 2006 arbeitet Pohlmann für nationale und internationale Kunden. 2013 gründet er gemeinsam mit einem Freund die Heynstudios in Berlin. Seit 2015 ist er freier Dozent für Fotografie an der HTW Berlin. Er arbeitet in den Bereichen Portrait, Sport, Landschaft und People und wird von Stink Berlin repräsentiert. Seine Arbeit wurde mehrfach mit nationalen und internationalen Awards ausgezeichnet. „Jedes erreichte Ziel ist der Anfang und der Beginn von etwas Neuem, wie bei einem großen Radrennen. Man steht immer wieder am Start, es gibt was zu entdecken und man hat was vor sich … So kann das Leben sehr spannend bleiben.“

 
Links:
   www.t-pohlmann.de
   www.stink.co/photography
   zum Onlineprofil
 

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