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Interview: Im Gespräch mit Jan Friese

Jan Friese, geboren 1976 in Mülheim an der Ruhr, ist Fotograf mit Studio in Berlin. Das Automagazin „Intersection“ bot ihm ab Mitte der Nullerjahre eine Plattform um People, Mode und Auto fotografisch zu verknüpfen. Neben Auftragsarbeiten für Autokunden ist das Editorial für Jan weiterhin Stilmittel um fotografischen Strömungen Ausdruck zu verleihen. Wir konnten ihm im Rahmen unserer Jubiläumsausgabe einige Fragen stellen.

Wie und wann bist Du das erste Mal mit Fotografie in Berührung gekommen und was zeigt Dein erstes Foto, welches Du bewusst aufgenommen hast?
Ich habe natürlich diese Kiste mit Aufnahmen von Blumen und Schwänen im Morgentau, wie hoffentlich jeder Fotograf. Die erste echte Auseinandersetzung mit Fotografie hat mir allerdings gleich ziemlichen Ärger mit meinen Eltern eingebracht. Ich habe damals meine Mappe für die Kunstakademie in Düsseldorf und die Folkwang-Schule in Essen zusammengestellt. Da waren SW-Aufnahmen meiner Eltern beim Frühstück beigefügt. Meine Eltern fühlten sich aber nicht richtig getroffen, das war meine erste Lehrstunde über die Interpretation der Realität im Bild.

Was hat Dich dazu bewogen Fotograf zu werden?
Das war letztlich eine sehr hedonistische Entscheidung. Nach meinem Schulabschluss dachte ich über eine Schreinerlehre oder eine Fotografenausbildung nach. Den Geruch von Fotochemie und den sensationellen alten Tanzsaal, in dem der Fotograf, bei dem ich vorstellig wurde, sein Studio hatte, fand ich unendlich cool.




Wie sah Dein Start in den Beruf denn genau aus? Hast Du eine Fotografen-Ausbildung oder eventuell Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Die Fotolehre hat mir eben dieser Fotograf ausgeredet. Ich habe dann, wie schon erwähnt, die Aufnahmeprüfungen zum Fotostudium gemacht und bei ihm dann im Still-Life-Bereich zwei Jahre assistiert. Ich war aber nie besonders gut als Assistent, da ich immer lieber selbst fotografiert habe. Ich war mit Anfang zwanzig mal bei Peter Lindbergh vorstellig und er meinte: „Was willst du bei mir, du kannst doch fotografieren“. Das habe ich dann für bare Münze genommen. Fotografieren zu können und damit auch Geld zu verdienen, sind aber zwei paar Schuhe, wie ich dann festgestellt habe. Oft hat das auch gar nichts miteinander zu tun. Während des Studiums fertigte ich ein Portfolio an und bin zu Magazinen gegangen, deren Fotos ich gut fand. Danach arbeitete ich einige Jahre im Editorialbereich. Für den Start in die Werbung war es dann wenig hilfreich, dass ich nicht der langjährige Assistent z. B. eines bekannten Autofotografen war. Jung von Matt und Mercedes haben mir dann trotzdem eine Kampagne anvertraut. Und danach hat keiner mehr gefragt, wem ich denn so assistiert habe. Jeder neue Job geht aber auch mit immer neuen Herausforderungen einher, die es zu meistern gilt. Der Lernprozess ist ein treuer und manchmal schmerzlicher Begleiter.

Deine Schwerpunkte liegen heute in den Bereichen Transportation, People und CGI. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Tja, also Autos sind natürlich ziemlich geil. Da geht es nicht nur um Fortbewegung, sondern darum, eine zurückzulegende Strecke emotional aufzuwerten. Von der Formschönheit vieler Modelle wollen wir da mal gar nicht erst anfangen … Wenn man das Ganze dann mit Portraits mixt, hat man – wenn’s gut läuft – eine Geschichte, die über die bloße Darstellung der Gegenstände hinaus geht. Bei CGI ist es ähnlich. Nur sind da die Freiheiten größer, weil es kein „On Set“-Limit an Möglichkeiten gibt.

Auf welche Deiner Arbeiten bist Du besonders stolz oder vielleicht einfacher gefragt, welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder gerne an?
Mir bereitet jedes Foto von meinem Hund Riga Freude, wo er (er ist eine sie) irgendwie irre aussieht. Und jedes Foto von meiner Frau, bei der sie sich unbeobachtet fühlt. Die Reihenfolge ist hier keine Rangfolge.

Was inspiriert Dich?
Wir haben ein altes Haus in Brandenburg. Und da gibt es unsere Nachbarn, die mit Fotografie oder so nicht viel am Hut haben. Da geht’s um Sachen wie z. B. der Wolf steht vor der Tür oder neuerdings der Waschbär, eine große Bedrohung, die mit List und Tücke zur Strecke gebracht werden muss. Großartig, da zuzuhören.




Wenn Zeit, Geld und andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Da muss man unterscheiden: zwischen Projekten, die in finanzieller Hinsicht im Nachhinein erfolgreich sein könnten und denen, bei denen von vornherein klar ist, dass sie ausschließlich dem fotografischen Genuss dienen. Wobei das eine das andere nicht ausschließt, aber die Motivation ist eine andere. Wenn ich mir ein Modell buche sowie ein Auto und Location organisiere, ist es im Prinzip egal, was das alles kostet, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die Bilder auch kommerziell triggern. Die tollen Jobs habe ich oft so bekommen. Und dann ist der Job das Traumprojekt in Fortsetzung – nur bekomme ich dann Gage dafür.

Gibt es einige Fotografenkollegen, speziell mit Fokus auf Deutschland, deren Arbeiten Du besonders schätzt?
Peter Keetman wäre so einer, leider ist er bereits 2005 verstorben. Aber diese Generation von Fotografen find ich toll. Heute ist es kaum mehr möglich, eine neue Bildsprache zu finden. Der Bildexzess ist ja unaufhaltsam über uns hinweggerollt und wir meinen, alles schon gesehen zu haben. Pionierarbeit kann man da nicht mehr leisten. Das war damals anders, glaube ich. Mit den Geometrien des Lichts zu experimentieren ist heute natürlich immer noch spannend, dennoch ist das Abenteuer dahinter inzwischen ziemlich zivilisiert.

Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben?
Erzählerisch und emotional.

Welche Kamera(s) nutzt Du?
Ich würde gern sagen: Pentax 67. Aber die habe ich gegen Kai-Uwe Gundlach beim Hütchenspiel verloren. Wobei, gegen den ist das keine Schande. Ansonsten hatte ich, glaube ich, so ziemlich jede Kamera mal. Im Moment stehe ich auf Leica.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Das kommt ein bisschen auf das Sujet an, für das es gemacht ist. Wenn ich etwas verkaufen möchte, ist das Foto gut, wenn es von möglichst vielen Leuten entschlüsselt werden kann. Das ist ja das Tagesgeschäft in der Werbung und das ist schwer genug, finde ich. Da sind diese vielen Leute am Set, die alle was wollen. Ein Produkt verkaufen, kreativ sein, Spaß haben. Schlussendlich muss das auch das Foto transportieren. Wenn das gelingt, ist das super.




Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Film“. Inwieweit ist dies auch für Dich interessant?
Jeder, der danach fragt, bekommt einen.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich?
Freie Arbeiten sind die Basis der Kreativität, finde ich. Da sieht man, ob jemand auch alleine in der Lage ist ein gutes Bild zu machen. Ohne großes Team, Artdirektoren und Layouts. Ich glaube, wenn man zu früh angeleitet wird, lernt man nicht den eigenen Blick zu schärfen. Das hat was mit Meinungsbildung zu tun. Das braucht Zeit. Wenn man etwas davon in freie Arbeiten investiert, zahlt sich das aus. Einer meiner Professoren hat mal zu mir gesagt: „Sie können zwischendurch mal wenig Geld haben, aber sie werden nie arbeitslos sein“. Das habe ich mir gemerkt.

Kannst Du uns drei Webseiten und/oder Apps nennen, die Du nutzt?
Sun Surveyor, WeatherPro, Wallet.

Du hast einiges von der Welt gesehen und in unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen?
Ich schleppe ja ständig mein eigenes Kopfkissen in der Welt herum. Ich kann sonst die erste Nacht nicht gut schlafen. Ich habe mir sagen lassen, das ist wohl so ein Urinstinkt – ich muss wachsam sein, bin neu hier – oder so. Ich bin sozusagen der Linus van Pelt unter den Fotografen. Am liebsten wache ich also zu Hause auf. Neben Hund und Frau. Die Reihenfolge ist auch hier keine Rangfolge.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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