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»Zeit zum Nachdenken. Zeit zu Handeln« von Dominik Butzmann

Dominik Butzmann c/o laif core ist Fotograf mit den Schwerpunkten People, Portrait und Reportage. Im Rahmen der BLICKFANG-Ausgabe 2016/2017 (Band 9) hat Dominik den lesenswerten Artikel »Zeit zum Nachdenken, Zeit zu handeln.« verfasst, den wir euch nun auch online präsentieren.

 
ZEIT ZUM NACHDENKEN, ZEIT ZU HANDELN.

Als mich im Herbst 2015 die Anfrage von Ogilvy Berlin erreichte, mich an einem Projekt gegen das Wiedererscheinen von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ zu beteiligen, wurde ich mit Macht daran erinnert, warum ich Fotograf geworden bin. „Mein Kampf – gegen Rechts“ sollte eine leidenschaftliche Gegenschrift von zwölf verschiedenen Autoren und Zeitzeugen werden. Jeder der Protagonisten hatte dabei sein eigenes Cover: ein authentisches, ungeschminktes Portrait.

Neu an diesem Vorhaben war unter anderem die kreative und inhaltliche Zusammenarbeit einer Werbeagentur mit einem politischen Verein wie „Gesicht zeigen!“ und dem „Europa-Verlag“.

Das Buch wurde ein voller Erfolg. Es wurde auf den verschiedensten Kanälen verbreitet, kommentiert und gesehen und am Ende auf zahlreichen Werbefestivals ausgezeichnet. Damit fanden kontroverse, unmissverständlich politische Texte ungebremst ihren Weg in die Werbewelt. Und dort sind sie genau richtig.

Die Projektarbeit war von einem großen Vertrauen seitens der Auftraggeber geprägt, es wurde viel diskutiert und gemeinsam entschieden. Als ich in Tel Aviv dem 92jährigen Mosche Dagan gegenüber saß, der den Holocaust überlebt hat, war ich von seinem Mut und seiner Streitlust überwältigt, ebenso von dem Witz, der immer wieder in seinen Augen aufblitzte. Ich war dankbar, meinen Teil zu diesem wichtigen Buch beisteuern zu dürfen. Respektvolle Befangenheit löste sich bald in Sympathie und Offenheit auf.



Dieser Prozess ist ein unermesslich wichtiger Teil der fotografischen Arbeit und sollte sichtbar sein. Ich glaube, wir Fotografen müssen uns wieder mehr einmischen, entscheiden und fordern. Ob auf einem Werbedisplay im Stadtbild, in einer Anzeige in einem Magazin oder in einem redaktionellen Beitrag:

WIR MÜSSEN ES SCHAFFEN, UNSERE ARBEIT WENIGER GLATT AUSSEHEN ZU LASSEN UND MIT UNSEREN BILDERN ZUM NACHDENKEN ANZUREGEN.
VOR ALLEM MÜSSEN WIR DEN MUT HABEN, DEM ECHTEN, AUCH SCHWEREN, MEHR PLATZ EINZURÄUMEN.

Wir prägen mit unserer Arbeit, bewusst oder unbewusst, das Sehen. Wir legen fest, wie verletzlich „verletzlich“ auf einem Foto aussieht, wie schön „schön“ ist oder was noch erschreckend oder schon erschreckend normal ist. Mit Beginn der medial allgegenwärtigen Flucht von Millionen von Menschen aus den Kriegsgebieten in Syrien, Afrika und Afghanistan, mit der ständigen Präsenz von Gewalt und Hass in unseren Timelines und vor den eigenen Augen, müssen viele Selbstverständlichkeiten ihr Ende finden.

Im März 2015 hatte ich mich auf den Weg in das provisorische Flüchtlingslager in Idomeni in Griechenland gemacht, ebenso wie ein ganzes Heer von anderen Fotografinnen und Fotografen. Eine bizarre Situation. Auf der einen Seite die Übertragungswagen aller großen Broadcaster, hunderte von Videojournalisten, live auf Periscope und Snapchat – auf der anderen Seite eine unerträgliche menschliche Tragödie. Zehntausende allein gelassene, verratene Menschen. Als ich so da stand und versuchte, die ganze Aufregung einen Moment lang auszublenden, fragte mich eine Familie aus dem kurdischen Teil Syriens, ob ich Hunger hätte. Sie saßen dort im Schlamm beieinander und hatten gekocht. Es war köstlich und danach war mein Blick wieder frei für das Wesentliche: die Menschen, das Menschliche.


Aus diesen Tagen haben viele Kollegen großartige Reportagen mitgebracht. Was aber setzt man der allgemeinen Gewöhnung an eine Katastrophe entgegen? Noch mehr Bilder oder weniger?

Seit der umstrittenen Aufnahme des ertrunkenen Kindes Aylan an einem Strand in der Türkei war die wachsende Unsicherheit in den Redaktionen förmlich zu spüren. Ein Damm war gebrochen. Die Ikonisierung dieses Bildes bis hin zu einer fast kampagnenartigen Verbreitung hat meiner Meinung nach eine unabweisbare Berechtigung: Es ist eine neue, ebenso wenig abweisbare Realität, die da an allen Türen anklopft und gesehen werden will, gesehen werden muss! Dürfen wir akzeptieren, dass so etwas passiert? Niemals! #Safepassage now!

Die Verunsicherung, die Debatte über Wirkung und Nutzlosigkeit von Bildern ging auch an mir nicht vorbei. In der Vorbereitung meiner Portraits, die oft in politischen Zusammenhängen beauftragt und gedruckt werden, wurde mir diese Ratlosigkeit aber nach und nach zu einer großen Hilfe. Sie erweiterte meinen Blick. Im Sommer 2016 durfte ich immer wieder Termine in den engeren Machtzirkeln Berlins wahrnehmen und erlebte als Beobachter bei Interviews eine politische Elite, die extrem unter Druck steht. Meine Antwort darauf musste eine authentischere Beschreibung sein, weniger Inszenierung, mehr unverstellte Sicht. Da sieht man dann die Sorgenfalten und die müden Augen, man sieht das Umfeld, die Nervosität. Man sieht auch den Willen zum Gestalten oder das Fehlen dieses Willens.




Niemand kann es sich heute noch leisten, unpolitisch zu sein. So ein Projekt wie „Mein Kampf – gegen Rechts“ sollte Schule machen! Die Werbung sollte öfter die Zusammenarbeit mit den zahlreichen neuen und alten Verbänden, Gruppen und Initiativen für Toleranz und Menschlichkeit suchen. Es gibt viel zu tun.

Das zunehmende Verschwimmen der Grenzen zwischen redaktionellen und werbenden Medien ist teilweise fragwürdig, aber eben auch eine Chance. Zum Beispiel dann, wenn die Werbung sich dabei von einer neuen Nachdenklichkeit anstecken lässt. Das Aufkommen der neuen politisch rechten Bewegung ist eine große Gefahr für unsere Demokratie. Die Fähigkeit genau hinzuschauen, ist da das passende Gegengift.
 

ZUR PERSON:
Dominik Butzmann ist freier Fotograf, sein Studio in Berlin ist Ausgangspunkt für nationale und internationale Produktionen. Seit seinem ersten Kontakt mit einem Auslöser im Alter von zehn Jahren liebt er es, Menschen genau zu beobachten und diesen einen Moment festzuhalten, in dem sie ganz bei sich sind. Agenturen und Redaktionen schätzen seine Fähigkeit, das nötige Vertrauen und das nötige Licht für ein Portrait herzustellen. Angela Merkel vertraute ihm gleich ihre ganze Kampagne an, Joachim Gauck beauftragte ein Portrait für sein Buchcover.

 
Links:
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