edzardpiltz_artikel1

»Nach der Fotografie ist vor der Fotografie« von Edzard Piltz

Edzard Piltz c/o TAKE Agency ist Fotograf und Filmemacher mit Basis in Berlin und Paris. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Lifestyle, Fashion und Travel. Für die BLICKFANG-Ausgabe 2016/2017 (Band 9) hat Edzard den Artikel »Nach der Fotografie ist vor der Fotografie« verfasst und erzählt, wie das Aufkommen der digitalen Fotografie, des Internets und der sozialen Netzwerke seine Sehgewohnheiten und die Ästhetik der Fotografie beeinflusst und verändert haben.

 
NACH DER FOTOGRAFIE IST VOR DER FOTOGRAFIE

Während mein Bruder Mitglied im Foto-Club unserer Schule war und mit seiner zweiäugigen Rolleiflex Eisenbahnräder oder Gulli-Deckel in Schwarz-Weiß festhielt, hatte ich nur die kleine Ritsch-Ratsch-Kodak-Knipse, mit der meine Mutter eigentlich Fotos fürs Familienalbum machte. Sie hatte eine schlechte Belichtungsautomatik und einen aufsteckbaren Einmal-Blitzwürfel, aber sie passte in jede Jackentasche – und wurde so zu meiner ständigen Begleiterin.

Mit ihr hielt ich die meiner Meinung nach bedeutsamen Momente im meinem und dem Leben meiner Skateboard-Buddies fest: einen gelungen Slide über eine Bank oder die Stimmung beim Abhängen auf einer Brücke, wenn die Sonne allmählich tiefer sank und meine kleine betonierte norddeutsche Welt verheißungsvoll verwandelte.

EIGENTLICH MACHTE ICH DAMALS NICHTS ANDERES ALS DAS, WAS HEUTE JUGENDLICHE MIT IHREN HANDYS TUN. NUR MIT DEM UNTERSCHIED, DASS ICH MINDESTENS ZWEI WOCHEN AUF DAS ERGEBNIS WARTEN MUSSTE.



Immer wenn ich die – für mich sehr teuren – Abzüge aus dem Fotoladen im Ort abholte, riss ich die Tüte auf und flippte durch die Bilder. Nur um meistens enttäuscht zu erkennen, dass nichts von dem, was ich zum Zeitpunkt der Aufnahme gesehen oder gefühlt hatte, darauf zu sehen war. Doch ich gab nicht auf, und ganz allmählich kam ich dahinter, was ich ändern musste, um festzuhalten, was mich in einem bestimmten Augenblick faszinierte. Angesichts meiner beschränkten finanziellen Mittel konnte ich aber nicht unbegrenzt Aufnahmen von einem Motiv machen und war daher gezwungen, die Fotos, die ich machen wollte, von vorneherein mehr zu durchdenken.

Ein anderer, für mich auch heute noch entscheidender Vorteil analoger Fotografie liegt in der zeitlichen und räumlichen Trennung von Aufnahme- und Auswahlverfahren. Da oft mehrere Tage oder sogar Wochen vergingen, bis ich meine Aufnahmen sichten konnte, hatte ich den Moment und die Umstände ihrer Entstehung oft schon fast wieder vergessen. Dadurch konnte ich meine Fotos unvoreingenommener betrachten. Einen zufälliges Bild, eine unwillkürliche Bewegung, ein „falscher“ Winkel oder ein „verpasster“ Moment, also im Prinzip alles, was man direkt im Anschluss an einen digitalen Schuss als Ausschuss betrachtet und vielleicht sogar gelöscht hätte, erschien mir, herausgelöst aus seinem zeitlichem und räumlichen Kontext, manchmal wie magisch und gab die Essenz eines Moments oft genauer wieder als ein durchkomponiertes Bild oder ein perfekt inszeniertes Motiv es jemals gekonnt hätten.

Der bekannte Street Photographer Garry Winogrand soll einmal gesagt haben: Fotografen machen den Fehler, ihre Emotionen im Moment des Fotografierens als Bewertungskriterium für ein gutes Foto heranziehen. Ich würde zwar nicht so weit gehen wie Winogrand, der mindestens ein volles Jahr wartete bevor er seine Filme entwickeln ließ, es war aber genau diese Entkopplung von Shooting und Editing aus der ich damals lernte und die mein Herangehen und meinen Foto-Stil stark mit beeinflusst hat.



Letztendlich war ich aber nie ein großer Freund der analogen Fotografie. Ich empfand vieles als umständlich, langsam und vorrangig technisch ausgerichtet. Das Aufkommen der digitalen Fotografie war daher für mich eine willkommene Entwicklung.

Aber diese hatte es wirklich in sich: Der menschliche Wunsch nach totaler Perfektion, grundsätzlich schon immer eng mit der Fotografie verknüpft, wurde durch die digitale Entwicklung noch einmal exponential verstärkt. Die Aufnahmen wurden immer schärfer, der Tonwertumfang wie auch die Datenmengen immer größer. Und da die bisherigen technischen Beschränkungen auf einmal aufgehoben waren, ließ sich jede noch so abwegige Idee mit den Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung relativ einfach realisieren. Das Ergebnis waren immer cleanere, immer stärker retuschierte und umfangreicher zusammengesetzte künstliche Welten, die sich immer weniger von einer vollständig im Computer generierten Welt unterscheiden ließen.

IN DIESER PHASE IHRER DIGITALISIERUNG, IN DER VOR ALLEM MEGAPIXEL UND SCHÄRFELEISTUNG IM MITTELPUNKT STANDEN, HATTE DIE FOTOGRAFIE FÜR MICH ERHEBLICH AN FASZINATION EINGEBÜSST.



Doch dann kamen die Smartphones auf, mit ihren eingebauten Kameras und auf einmal hatten nicht nur Touristen und Amateurfotografen sondern fast jeder immer und überall einen „Fotoapparat“ mit dabei und alle machten auf einmal ständig Fotos von sich und ihrer Umgebung. Zusätzlich ermöglichten Apps, Filter und Pre-Sets jetzt auch dem Laien die beschränkte Qualität der Handyfotos im Handumdrehen zu schicken Fotos aufzumotzen. Gleichzeitig konnte man mit Hilfe sozialer Netzwerke und des mobiles Internet seine Aufnahmen sofort einem breiten Publikum zugänglich machen und anhand von „Likes“ ließ sich verfolgen, welche Fotos in der Internetgemeinde gut ankamen. Der richtige Augenblick, die Lichtstimmung, der Ausdruck waren auf einmal wieder das Wichtigste. Dabei durfte es unscharf, sogar verschwommen und körnig sein, Hauptsache der Moment war authentisch und die Emotion ehrlich. Gestellt wirkende Szenen und über-retouchierte Fotos hingegen wurden schnell als „fakes“ entlarvt, negativ kommentiert oder ernteten sogar Shitstorms. Nichts hat in meinen Augen unsere Sehgewohnheiten so schlagartig und nachhaltig verändert, wie die Smartphones mit ihren neuen, vernetzten Veröffentlichungsmöglichkeiten.

Einmal abgesehen von den vielen belanglosen Bildern, fällt es nicht schwer zu erkennen, dass ein riesiges Heer von Hobby- und Freizeitfotografen die Welt mit Hilfe des Internets um unzählige großartige, innovative und lebendige Fotografien bereichert hat. Und die Fotografie – zwischenzeitlich sogar schon tot gesagt – ist plötzlich mit neuem Leben erfüllt – vielschichtiger, bunter, intelligenter und geheimnisvoller denn je.
 

ZUR PERSON:
Als Teenager waren es Skateboards, heute sind es Pferde, für die sich Edzard Piltz in seiner Freizeit begeistert. Doch seine wahre Leidenschaft ist das kreative Gestalten – egal ob Fotografie, Film, Grafik, Architektur oder Interior Design. Dass er schließlich Fotograf geworden ist, lag nicht zuletzt daran, dass er das Glück hatte bereits mit Anfang zwanzig – zuerst in Hamburg, später dann in London – mit namhaften Fotografen zusammenzuarbeiten, die sein visuelles Talent erkannten und förderten. Neben verschiedenen bekannten Magazinen und Verlagen zählen heute auch diverse internationale Unternehmen zu seinem Kundenstamm.

 
Links:
   www.edzardpiltz.com
   www.takeagency.com
   zum Onlineprofil
   Buch bestellen
 

kommentieren