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Kreativität hat ihren Preis. Von Martin Bauendahl

Martin Bauendahl ist Fotograf mit den Schwerpunkten Beauty, Fashion und Advertising, seine Basis befindet sich in Hamburg, repräsentiert wird er von Syndikat Artists. Für die BLICKFANG-Ausgabe 2015/2016 hat Martin den lesenswerten Artikel »Kreativität hat ihren Preis« verfasst, den wir nun auch online zeigen.

 
KREATIVITÄT HAT IHREN PREIS

Wow, was für eine Ehre! Der Verlag hat mich mit der Frage angeschrieben, ob ich Lust hätte einen Artikel für die Ausgabe 2015/2016 des Blickfang zu schreiben. Nur, was schreiben? Also flugs die Ausgaben der Vorjahre rausgesucht und gelesen, was meine werten Kollegen sich bis jetzt für Gedanken gemacht haben. Frustriert sinke ich zusammen. Jeder Ansatz, auf den ich hätte kommen können, wurde schon angesprochen. Ob sinkende Honorare, künstlerische Freiheit und Wahrung der kreativen Integrität, Standortfragen, internationale Konkurrenz, Vergleich Foto und Film, Digital oder analog … Alles schon da gewesen. Doch da, ein Lichtblick (in zweierlei Hinsicht, sowohl für mich als themensuchender Autor eines Vorworts, als auch für alle anderen Fotografen), die Honorare sinken nicht mehr.

War es in den letzten Jahren noch so, dass unsere Budgets immer kleiner wurden, muss es wohl einigen Kunden aufgefallen sein, dass sich für noch weniger Budget nicht mehr qualitativ ausreichend produzieren lässt. Dies trifft bestimmt nicht auf alle Kunden zu, aber ein Trend zeichnet sich ab.

Ein weiterer Trend, ja fast schon wieder Mainstream, ist die Abkehr von der technischen Perfektion. Nicht nur auf Instagram und durch die bekannten Filter, sondern auch in der Werbung und im Editorial. Farb-„Fehler“ oder ausgeblichene Tonwerte bringen Emotion und ein Gefühl von Realität in die Fotografien. Selbst bei Generationen, die noch niemals einen alten Super 8 Film gesehen haben. Denn ohne einen emotionalen Input in Form von Filtern, LUTs oder Presets sehen die Fotos aus Canons, Nikons, PhaseOnes, etc. hinsichtlich ihrer technischen Perfektion einfach zu identisch aus. Ich meine nicht die Überbeanspruchung von Postproduction, sondern nur diesen kleinen Kick, der dem Foto etwas persönliches gibt. „When you are too perfect, lieber Gott böse.“






Sofort fallen mir hier Vergleiche zur Musik ein: Seit einigen Jahren schon werden, immer wieder und relativ schnell, wunderbare Singer/Songwriter international bekannt, die bis in die 2000er keine Chance auf dem großen Musikmarkt hatten. Nun besteht offenbar ein Bedarf nach Authentizität, nach Musikern, die nur mit wenig technischem Aufwand begeistern und nicht wie gecastet, nicht zu perfekt, wirken.

Auch in der auftragsmäßigen Fotografie werden junge Talente nun deutlich schneller bekannt als noch vor einem Jahrzehnt, natürlich auch aufgrund der allgegenwärtigen sozialen Medien. Doch halt, um nicht nur zum naiven, eventuell sogar kostenlosen Lieferanten von „Content“ für große Medienkonzerne zu werden, achtet auf eure Copyrights, denn wir haben nicht wie Musiker die Möglichkeit, durch Konzerte oder YouTube-Klicks unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. In letzter Zeit habe ich diesbezüglich oft Diskussionen mit anderen Kollegen geführt, die entweder nichts von solchen Dingen wie AGBs, Verträgen und Nutzungsrechten und deren Regelungen wussten oder schlichtweg wissen wollten. Viele Fotografen haben Angst, ihre Kunden zu verärgern und sind so eingeschüchtert, dass sie alles unterschreiben, was ihnen vorgelegt wird. Hauptsache, die Kohle für diesen einen Auftrag kommt rein. Dass diese Kohle meist viel zu wenig ist, um die laufenden Kosten eines Selbstständigen zu decken und die weiteren Nutzungsrechte, die ein langfristiges (Über-)Leben sichern, meist an den Auftraggeber verschenkt werden, nimmt man ohne Gegenwehr hin. Wer sich also jetzt nicht um die Wahrung seiner Nutzungsrechte kümmert, wird sich in ein paar Jahren ganz schön ärgern. Denn das Geld für neues Equipment fehlt, aufwendigere Fotoprojekte oder gar private Wünsche, wie eine eigene Familie, sind dann nur schwer zu realisieren.

HIERZU FÄLLT MIR EIN ZITAT DES WUNDERBAREN FOTOGRAFEN DAVID BAILEY EIN: “WHY SHOULD I GIVE MY COPYRIGHTS TO ANYONE ELSE? I WOULDN’T DO THAT!”.

Dass diese Medienkonzerne aufgrund ihrer oft bürokratischen Struktur gar nicht die Möglichkeit haben, die Zweit- oder Drittverwertung (die Nutzung in den hauseigenen Medien ist ja meist durch die Auftragshonorierung abgegolten) einer Fotografie effizient und gewinnbringend zu managen, setzt dem ganzen noch die Krone auf. Da werden abertausende von Terrabytes an Fotos inklusive der Nutzungsrechte gesichert, aber nicht gewinnbringend wieder verkauft. Falls doch, dann zu so einer niedrigen prozentualen Beteiligung des Fotografen, die gerade mal für einen Kaffee reicht. Ganz interessant sind in diesem Zusammenhang auch die zunehmenden Anfragen von Bloggern, die anbieten, für ihre mittelmäßig bekannten Blogs zu fotografieren, da mir dies ja als Fotograf super viel „benefit“ in Form von Beachtung im Netz bringen würde. Ist es Unverfrorenheit oder Dummheit? Vom Ruhm alleine kann niemand leben. Und Likes oder Klicks werden zunehmend an ihrer Qualität und nicht nur an ihrer Quantität gemessen. Und selbst wenn es ein international bekannter Blog wäre, würde ich eine Rechnung schreiben. Zumal werden dann auch ganz exakte Vorstellungen, wie „deren“ Produktion auszusehen hätte, vorgelegt, fast so wie bei einer Werbeproduktion, bei der man natürlich dem Kunden, wenn das Budget nur hoch genug ist, alles möglich machen kann. Nur eben dieses Budget ist dann bei Blogs einfach nicht vorhanden. Dennoch wollen diese Blogbetreiber aber als visueller Bigplayer mitmischen und haben nicht mal das Geld für das Catering oder den Assistenten.

Das mich hier bitte keine Redaktion oder ein Kunde mit wenig Budget falsch versteht. Ich arbeite sehr gern für „low-“ oder auch „no budget“ Projekte, wenn sie mir, gewissermaßen als Gegenleistung, die kreative Freiheit lassen und für beide eine gleichwertige Win-win-Situation entsteht. Dies hat für mich als Fotograf und Mensch etwas mit Respekt und Wertschätzung zu tun. Wenn es daran mangelt, sucht man sich besser einen anderen Kunden. Denn die eigene Zeit ist einfach zu kostbar und einen neuen und respektvolleren Kunden findet man wieder, wenn man nur nach ihm sucht. Wieso ich dieser Thematik so viel Platz einräume? Weil ich weiterhin selbstbestimmt arbeiten und eigene Projekte verwirklichen möchte, ohne einen Zweit- oder Drittjob machen zu müssen. Und dieser Beruf ist immer noch der geilste Beruf, den ich mir vorstellen kann. Die Vorstellung, dass Fotografen, die ja meist starke Individuen und Einzelkämpfer sind, sich gewissermaßen in einer gewerkschaftlichen Vereinigung zusammenfinden, um ihre Interessen unisono vertreten zu können, ist wahrscheinlich Utopie. Ein langfristiges Denken aber, auch im eigenen Interesse, sollte doch machbar sein. Also, liebe Kollegen, öfter mal „Nein“ sagen hilft, dass dieser Beruf so geil bleibt.














 

ZUR PERSON:
Martin Bauendahl, Jahrgang 1970, hat in seinem Leben bereits als DJ, Galerist und Gründer von zwei Postproductions gearbeitet und sich dann doch für die Fotografie entschieden. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen internationalen Reps und Syndications veröffentlichte er schon für P&G, Henkel/Schwarzkopf, Beiersdorf, L’Oréal, Unilever, BMW, ProSiebenSat1, Douglas, Vogue, Tush, ELLE, Marie Claire und Stern.

In einem persönlichen Langzeitprojekt fotografiert er seit 2009 unzählige „Zwei Minuten“ Portraits, zu finden auf www.goseeoftheday.com. Mit seiner Familie lebt er im Umland von Hamburg. Sein Studio hat er in der Hamburger Schanze. Europäer. #refugeeswelcome

 
Links:
   www.bauendahl.com
   www.facebook.com/bauendahlphotography
   www.studio.bauendahl.com/instagram
   www.syndikat-artists.de
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