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Interview: Im Gespräch mit Matthias Clamer

Matthias Clamer, 1970 in Deutschland geboren, wuchs in Hamburg, Paris und Düsseldorf auf. Nach dem Abitur studierte er in England Fotografie und lebt inzwischen seit mehr als 20 Jahren in den USA. Vor allem in New York, momentan jedoch überwiegend in Los Angeles. Seine Top-Prioritäten im Leben: Familie, Hunde, Tennis, Fotos.

Wie und wann bist Du das erste Mal mit Fotografie in Berührung gekommen und was zeigt Dein erstes Foto, welches Du bewusst aufgenommen hast?
Mit 12 hatte ich eine Kodak Plastikkamera geschenkt bekommen und seitdem jeden Pfennig und jede Mark im Minilabor gelassen. Die meisten meiner Aufnahmen waren damals dramatische Landschaften, Gewitter, Regen, Nebel, Einsamkeit. Mit 15 hatte ich dann genug Geld für eine Praktika aus der DDR. Meine Motivschwerpunkte erweiterten sich – neben Landschaften – auf meine Schwestern.

Was hat Dich dazu bewogen Fotograf zu werden und was machte (und macht) die Fotografie für Dich so interessant?
Mit 17 war ich mir schon sicher und hatte keinen Plan B. Ich liebe es zu suchen und zu finden, Ordnung zu schaffen, Dinge schöner zu machen. Ich liebe es die Ungewissheit einer Situation zu meistern, oder besser gesagt, das Meistern mit der Ungewissheit zu vereinbaren.





Wie sah Dein Start in den Beruf denn genau aus? Hast Du eine Fotografen-Ausbildung und Assistenzen bei anderen Fotografen gemacht?
Ich habe in England für drei Jahre ein Bachelor Degree in Photography gemacht, bin dann mit meinem Seesack nach New York gezogen, habe freiberuflich assistiert und mich ein Jahr lang als Illegaler durchgeschwindelt, bis ich ein Workvisa hatte. Ich habe für viele der ganz großen Fashionfotografen gearbeitet, dann ausschließlich 3 Jahre lang für Terry Richardson. Anschließend habe ich genug eigene Jobs bekommen, vor allem Bands und Rockstars für Zeitschriften.

Deine Schwerpunkte liegen heute in den Bereichen Portrait und Advertising. Weshalb? Was reizt Dich immer wieder daran?
Nach vier Jahren Fashion-Assistenz wusste ich, dass das nicht meine Welt ist. Ich hatte mehr Interesse an Leuten, Schauspielern, Musikern, Künstlern, Sportlern, Schriftstellern, Politikern. Wenn ich Advertising mache, ist es auch sehr Portrait-orientiert.

Wie würdest Du Deinen fotografischen Stil in wenigen Worten beschreiben?
Aufgeräumt, grafisch, farbig mit Tiefe und mit einer kleinen Prise Humor.

Auf welche Deiner Arbeiten bist Du persönlich wirklich stolz? Oder vielleicht einfacher gefragt: Welche Deiner Bilder schaust Du Dir selbst immer wieder gerne an?
Ich denke, dass meine Arbeiten in den letzten 2 Jahren sehr viel dreidimensionaler geworden sind. Da ist mehr Tiefe und mehr Gefühl. Ich bin z.B. sehr stolz auf die Portraits, die ich im BLICKFANG 2015/2016 zeige. Ich sehe viele Portraits mit sehr berechenbarem Casting und unglaublich viel „special sauce“ in der Technik und dem Retouching. Meine Strecke zeigt meinen Geschmack in Sachen Casting und nicht noch einen Typen mit Schnurrbart und ein Mädchen mit rosa Haaren. Und technisch ist es, was es sein muss. Die wahre Arbeit waren hunderte von Stunden Streetcasting in New York.




Wenn Zeit, Geld und alle andere Faktoren keinerlei Rolle spielen würden: Wie würde Dein absolutes Traumprojekt aussehen?
Immerzu unterwegs, einen Vollzeit-Researcher, ein Projekt nach dem anderen und zwischendurch gute Jobs.

Was zeichnet für Dich ein wirklich herausragendes Foto aus?
Das beste Foto sieht nicht nach Fotoshoot aus, sondern nach einem Moment. Es kann gerne inszeniert sein, muss aber zumindest den Anschein eines wahren Moments haben. Vor der Kamera machen viele Leute was ich „photoface“ nenne, einen Ausdruck und Körperhaltung, die es nur in Fotos gibt. Mein oberstes Gebot ist genau das zu vermeiden oder zu umgehen. Im gleichen Sinne kann ich Papier als Hintergrund nicht ausstehen. Papier gibt es nur in Fotos. Zweites Gebot: Nur eine Story zu erzählen und nicht zwei oder drei. Nur eine und diese eine Story nicht zu Ende zu erzählen, offen lassen, Fragezeichen hinterlassen – nur dann ist ein Bild wirklich interessant.

Was inspiriert Dich?
Interessante Leute. Leute, die etwas können, was ich nicht kann. Leute, die etwas richtig gut können. Leute, die ganz anders leben und denken als ich.




Welche Kamera(s) nutzt Du?
Für die meisten großen Jobs Hasselblad H5 mit Phase One 260 oder 250 Backs, weil meine Kunden das so wollen. Alles andere mit der neuen Canon 5D, weil diese Kamera einfach super ist.

Viele Fotografen beschäftigen sich mehr und mehr auch mit dem Thema „Film“. Inwieweit ist dies auch für Dich interessant?
Ich mache viele Jobs für Film und Fernsehen, d. h. ich mache die Poster und PR Portraits. Oft machen wir auch einen kurzen Film für digitale Poster, 7-10 Sekunden „living“ Posters.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich und gibt es aktuell Projekte, von denen Du uns berichten kannst?
Ich mache viele freie Arbeiten. Ich reise viel für Jobs und komme oft mit diversen Projektideen zurück. Wie gesagt, Leute interessieren mich, wenn sie anders leben als ich. Dieses Jahr habe ich Elvis Tribute Artists in Mississippi fotografiert, war auf einem Mähdrescher Demolition Derby in Washington State, auf einem Rodeo für Kinder in Utah, habe amerikanische Indianer auf ihrer Reservation in Idaho fotografiert und mache ein sehr aufwändiges Projekt mit County Sheriffs. Ich habe einen 30 Jahre alten Chevy Suburban gekauft, fahre von County zu County und „shoot the sheriff“, cinematisch, mit einem Hollywood Feel. Mein alter Chevy heißt „Famous Potato“, steht momentan in Oregon an einem kleinen Flughafen, bis ich meine nächste Etappe starte. Die vorhin erwähnte Portraitstrecke im BLICKFANG war ebenso sehr aufwändig. Ich habe ein Mädchen engagiert, mir Leute auf der Straße in New York zu finden. Wir arbeiten ständig an der Verfeinerung der Auswahlkriterien. Wenn ich 10 gute Leute habe, buche ich ein Studio. Bis jetzt habe ich 5 Studiosessions gemacht.



Kannst Du uns drei Webseiten nennen, die Du regelmäßig besuchst?
Behance.net, Trendland.com, Photographyserved.com.

Du hast Deinen Standort seit Jahren in den USA, arbeitest weltweit – wo würdest Du morgen früh am liebsten aufwachen und weshalb?
Ich wünschte mir mehr Jobs in Asien. Asien fasziniert mich und ich bin leider viel zu selten dort.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
   www.matthiasclamer.com
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