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Keep It Street, Make It Bling, Keep It Real!

Moritz Schmid ist Fotograf mit den Schwerpunkten People, Sports, Cars und Landscape. Im letzten Jahr verfasste er für die BLICKFANG 2014/2015-Ausgabe (Band 7) den Artikel »Keep It Street, Make It Bling, Keep It Real«, den wir euch nun auch online im Blog zeigen.

 
KEEP IT STREET, MAKE IT BLING, KEEP IT REAL! / von Moritz Schmid

Ich bin ein Kind der 80er. Die 90er haben mich stark beeinflusst und künstlerisch sozialisiert. Graffiti und Streetart waren für mich der Grundstein meiner Ästhetik.

Meine Neugierde hat mich schon früh in die Welt hinaus gezogen. Als ich Anfang 2000 anfing zu assistieren, war für mich klar: Fotografie ist meine Berufung. In welchem Job kommt man so viel rum, sieht und erlebt so viel und nimmt so viele Eindrücke und Fragen mit auf den Weg? Fragen sind und waren schon immer der Ausgangspunkt für meine Arbeiten. Mit den Antworten habe ich es mir nie einfach gemacht.

Eines Tages in New York, 2003: Bei einem Spaziergang durch Brooklyn, kurz vor der Brücke, die Augen aufs glitzernde Manhattan gerichtet, entdeckte ich ein Graffiti mit dem Slogan „Keep it real“. Ab dann war mir klar, dass ich künstlerisch arbeiten und damit auch kommerziell erfolgreich sein will. Gleichzeitig aber mir selbst und meiner Vorstellung von Ästhetik treu bleibe. Vielleicht groß formuliert für einen Jungen, aufgewachsen in einem Kaff bei Bremen, aber eben seit jeher mein Motto: Keep it street, make it bling, keep it real!

Das fotografische Handwerk habe ich mir lange vor der digitalen Revolution angeeignet, ich habe analog auf Mittelformat und Großbild gelernt. Nächtelang stand ich in der Dunkelkammer, habe Prints analog bearbeitet, experimentiert und gezaubert. Ich bin eingetaucht in eine Parallelwelt, in der ein gutes Foto das Ergebnis eines langen Prozesses ist, der mit einer Frage anfängt und nach ein paar Tagen mit der Antwort – als fertige Fotografie – auf meinem Tisch endet. Das ist für mich Herzblut, das ist für mich „real“!






Mit der Digitalisierung hat sich natürlich auch meine Arbeit radikal verändert. Zunächst war ich skeptisch und bangte um den Wert des Handwerks. Die digitale Bildbearbeitung ist jedoch unabdingbarer Bestandteil meiner Arbeit geworden. Ich retuschiere meine Bilder, verstärke den durch Licht kreierten „Bling“, aber immer in dem Maße, dass das Ergebnis für mich noch „real“ ist. Klar, es gehören auch Composings zu meiner Arbeit. Aber ich stelle mir die Frage, wo das vertretbare Maß an Photoshop für mich liegt. Je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto mehr weiß ich: Für mich ist weniger oft mehr. Ein guter Fotograf muss nicht alle Mittel einsetzen, die zur Verfügung stehen, nur weil es sie gibt.

Ein Purist bin ich trotz technischer Möglichkeiten geblieben. Ich glaube an den Prozess der Entstehung eines guten Fotos. Nach über 15 Jahren in der Fotografie fasziniert es mich immer wieder aufs Neue, wie ich durch den Einsatz von Licht „surreal“ scheinende Welten kreieren kann.

Ich bin Praktiker und habe mich der Fotografie eher selten theoretisch genähert. Aber Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ hat mich beeinflusst. Er spricht dort bereits 1936 vom Verlust der Aura eines Kunstwerks durch die Möglichkeit der Vervielfältigung in Foto und Film. Die Fotografie nehme dem Kunstwerk den Status als Unikat, die Seele des Objekts ginge verloren – dabei hatte er von den Auswüchsen der digitalen Fotografie noch gar keine Vorstellung! Ich sehe meine Zunft heute tatsächlich ein Stück weit als Gralshüter einer Kunstform, die sich der Aura des Moments verpflichtet hat. Bin ich daher reaktionär? Mmmhh …

Für mich ist ein gutes Foto in erster Linie der perfekte Moment. Ein Bild hat dann Seele, wenn es in uns ein Gefühl auslöst, uns zum Träumen oder Nachdenken anregt. Es sind die Bilder, die man eben nicht am Rechner generieren kann, weil sie eine Aura einfangen, weil sie „real“ sind.

Wie schafft man solche Bilder? Mit einer großen Portion Intuition. Technisches Know-how, das perfekte Licht – den „Bling“ – als Grundgerüst für die gelungene Inszenierung. Vor allem aber mit Gespür für das, was man nicht lernen kann – den „einen“ Moment einzufangen. Das Unerwartete, die Dynamik zu greifen. Augen-blicke einzufangen, die Zwischenmomente sind, die diese kleinen, feinen Sekundenbruchteile widergeben, in denen wir ganz bei uns sind. In denen wir uns preisgeben. Momente, die glorifizieren und Sehnsüchte schaffen.







Jeder professionelle Fotograf hat seine individuelle Auffassung von Ästhetik, die Vielfalt der Sichtweisen und Blickwinkel ist sicher auch das, was den Job so spannend macht.

Heute ist es allgegenwärtig, Bilder bis zum letzten Pixel am Computer zu frisieren und mit „flashigen“ Looks vermeintlich zu optimieren. Alles ist machbar, alles wird ausgereizt. Aber werden Fotos dadurch besser? Wollen wir nur noch aalglatte Hyperrealismen? Ich bezweifle, dass unser Publikum das möchte. Deshalb verfolge ich meinen Ansatz direkt beim Shooting das „perfekte komponierte Bild“ zu kreieren. Ein durch Licht betörtes Abbild der Realität zu schaffen. Mit Licht zu malen, damit zu jonglieren und zu erschaffen.

Fotografie ist immer auch die Visualisierung von „Zeitgeist“. Wie er sich in Komposition, Licht, Pose, Gestik, Mimik und Kleidung manifestiert, reflektiert immer auch das Lebensgefühl einer Zeit. Fotografie dokumentiert einen sich permanent wandelnden Lebensstil.

Das BLICKFANG-Jahrbuch, für welches ich diesen Artikel verfasst habe, ist ein Status quo des aktuellen Zeitgeists, ein Manifest der Ästhetik einer Generation deutscher Fotografen. Viel Spaß beim Entdecken, sich faszinieren lassen, beim Staunen … Und nicht vergessen: „Keep it real“!

Zur Person:
Moritz Nicolaus Schmid, Jahrgang 1980. Gebürtiger Hamburger, der mit viel Herzblut für den Job – und Begeisterung für die Akteure und Objekte vor der Kamera – jedes Shooting mit nordischer Gelassenheit rockt. Seine Karriere begann er als Assistent führender Fotografen in Hamburg, Kapstadt, New York und Paris. Seit 2009 lebt er nun in Berlin und arbeitet international für Werbekunden und Magazine. Zu seinen Kunden gehören zum Beispiel BMW, FIFA, Mercedes, GQ Magazin und TeNeues. Seine Inspirationsquelle ist seine Neugierde für die Welt. Reisen, Kunst und Musik bieten ihm stetig neue Impulse für seine Arbeiten.

 
Links:
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