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Kreativität, Visionen … und Nachhaltigkeit?

Wohin entwickelt sich die „Fotografie“ in Deutschland? Für die druckfrische BLICKFANG-Ausgabe 2014/2015 hat der in Hamburg und Berlin ansässige Fotograf Ilan Hamra ein wirklich sehr lesenswertes Vorwort unter dem Titel »Kreativität, Visionen … und Nachhaltigkeit? Es ist Zeit unsere Ziele zu hinterfragen!« beigesteuert, welches wir euch unbedingt auch online hier im Blog zeigen möchten. Lesen ist Pflicht!

 
KREATIVITÄT, VISIONEN … UND NACHHALTIGKEIT?
ES IST ZEIT UNSERE ZIELE ZU HINTERFRAGEN!

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn man ein Buch aufschlägt, das den Anspruch hat, Arbeiten von Deutschlands besten Fotografen zu zeigen, ist das ein guter Anlass innezuhalten und zu fragen, wohin entwickelt sich die „Fotografie“ in Deutschland?

Was tun wir, um sowohl unsere beruflichen als auch kreativen Möglichkeiten zu fördern?
Was überlegen wir uns, um die Situation von Berufs-Kreativen in der Branche zu stärken?
Welche Initiativen ergreifen wir, um unseren Standort in einem hart umkämpften internationalen Markt zu sichern?

Mit wem auch immer ich gesprochen habe, sei es im Berufsverband BFF, mit Redakteuren, Kreativen, Art Buyern oder Zulieferern, sie teilen dazu sehr ähnliche Einschätzungen. Auf der einen Seite wachsen atemberaubende Technologien und tolle kreative Möglichkeiten heran, auf der anderen Seite sieht man sich jedoch einer Entwicklung gegenüber, in der kreative Arbeit langsam aber stetig an Wert verliert.

Dazu leisten ein marktwirtschaftlicher Unterbietungswettbewerb, bei dem es viel zu oft um Zahlen statt um Inhalte geht, und ein wachsender Automatismus bei produktionellen Einsparungen ihren Beitrag, ohne dass jemand an dieser Entwick-
lung interessiert wäre. Denn sie macht weder halt vor qualitativen Mindeststan-
dards noch ließe sie sich auf eine einzelne Berufsgruppe begrenzen.
Es erinnert damit ein wenig an das Kyoto-Protokoll: Keiner will, dass die großen Gletscher abschmelzen, doch es fehlt entweder das Bewusstsein für den großen übergeordneten Zusammenhang oder der letztendliche Impuls zu Veränderungen.

Was hat sich verändert? Fotografie ist in den letzten Jahren medial allgegenwärtig geworden. Ihre Produktionsmittel – zumindest die ganz einfachen – sind nicht mehr einer ausgebildeten Elite vorbehalten, sondern der breiten Masse. Diese Entwicklung ist durchaus auch in anderen Handelsbereiche zu finden: In einem beliebten Hamburger Büromarkt hing unlängst ein Schild an der Eingangstür „Wer morgen noch im qualifizierten Fachhandel einkaufen will, sollte am besten heute schon mal damit anfangen“.
Treffender kann man es auch für uns kaum ausdrücken.

Der Begriff „Fotograf“ ist in keiner Weise geschützt: Jeder, der ein paar Fotos machen und eine interaktive Webseite bestücken kann, schmückt sich gern mit solch einem Titel. Es mag nicht immer ernstzunehmende Konkurrenz sein, aber es fördert doch ein Klima, in dem auch Kunden die Fotografie mehr als technischen Prozess auffassen und Fotografen mehr als Bildmaterial-Lieferanten verstehen, denn als kreative Partner oder Persönlichkeiten. Ein herausragender Fotograf definiert sich jedoch durch Bildsprache, Erfahrung und auf den Punkt umgesetzte Produktionen – und Arbeiten, die selbst nach häufigem Betrachten und in groß-
formatigen Präsentationen ihre Wirkung entfalten. Wir „kreativen“ Fotografen übernehmen zudem immer neue, immer weiter reichende Felder: Fotografie wird nicht einfacher, sie wird anspruchsvoller. Sich im medialen Dschungel noch von der Masse abheben zu wollen, erfordert nicht weniger, sondern mehr Know-how.

So finde ich mich selbst trotz 15 Jahren breitgefächerter Berufserfahrung, nicht anders als meine Kollegen, alljährlich auf der virtuellen Schulbank wieder.

Zudem lässt sich eine immer strenger werdende Klassifizierung von Fotografen nach Genres feststellen. Wer am Markt Bestand haben will, muss entweder ein hochspezialisierter Nerd oder sehr breit und flexibel aufgestellt sein. Es ist heute kaum mehr vorstellbar, wie ich vor einigen Jahren ohne entsprechendes Referenz-Material im Portfolio zu ersten Beauty- oder Landschaftsbild-Jobs kam. Es gab keinen Zweifel an der Umsetzungsfähigkeit, Fotografen wurden vor allem nach visuellem Talent ausgewählt und die Kundenzufriedenheit gab den Agenturen recht. Heute hingegen genügt es kaum den fotografierten Apfel im Portfolio zu haben, wenn der Kunde aber einen Birnen-Fotografen sucht.
Das klingt nach einer harmlosen Umstellung, wirkt sich aber gravierend auf die Entwicklungsfreiheit vieler Kreativer aus, weil dadurch lediglich Arbeiten belohnt werden, die nur noch am durchschnittlichen Marktbedarf orientiert sind. Kreative Entfaltung bedeutet jedoch „Abweichungen“ zu wagen – das Ungesehene, das Nicht-zu-erwartende, das Besondere zu erschaffen, vielleicht sogar Innovationen. Außerdem ist es über kommerzielle Aspekte hinaus wichtig, in unserem Land eine große kulturelle Vielfalt zu ermöglichen.

Wie kommt es zu diesen Veränderungen? Eine häufige Antwort ist, dass viele kreative Entscheidungsprozesse seit einigen Jahren verstärkt von betriebswirt-
schaftlicher Ebene gelenkt werden, von Menschen, die naturgemäß eigentlich in einer ganz anderen Welt zu Hause sind. Es bedarf an dieser Stelle entweder einer gänzlich veränderten Kommunikation und einer aktiven Aufklärung unsererseits oder einer Rückverlagerung der Kompetenzen – im Agenturbereich beispielsweise hin zu Kundenberatern, deren ursprüngliche Rolle dies aus gutem Grund war.
Worin auch immer hier der Einzelne die Gründe sehen mag, wir haben überhaupt keine andere Alternative als uns dieses Themas anzunehmen.

Neben unserem kreativen Wettbewerb bräuchte es ein Bewusstsein für wirtschaftliche Nachhaltigkeit.

Was uns fehlt, ist ein Bewusstsein, dass das, was wir heute tun oder entscheiden, uns oder anderen morgen nicht schaden darf. Dazu zählt eine stärkere Rück-
besinnung darauf, dass Qualität die erste Kernkompetenz unserer Branche ist – unsere Legitimation.
Es mag natürlich nicht überall dieselben Handlungsspielräume geben, aber jeder von uns – vollkommen egal welcher Berufsgruppe angehörend – hat stets kleine Spielräume, vertritt nach außen Überzeugungen und trägt seine persönliche Vision in sich. Und sicher auch eine Vorstellung davon, in welcher Berufswelt sein Leben morgen stattfinden soll und welche Chancen berufliche kreative Arbeit uns vielleicht auch in Zukunft noch eröffnen soll.

Heute wäre es wichtiger denn je seinen Kunden zu vermitteln, dass Qualität sich auszahlt, entscheidende Vorteile und höhere Reichweite am Markt verschafft.
Genau dafür müssen wir eintreten, damit am Ende viele kleine Vorzeichenwechsel in der Summe eine neue Tendenz, ein neues Bewusstsein schaffen und damit neue Potentiale für die Zukunft eröffnen.

Unsere Bilder bleiben über den Moment hinaus haften, wir schaffen neue Images. Unser Werk ist das Herz von Kampagnen und Magazinbeiträgen. Auch in diesem Buch geben wir unser Bestes.
 

Zur Person:
Ilan Hamra, gebürtiger Berliner, lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin. 1994-1997 Ausbildung zum Fotodesigner am Lette-Verein. Seit 2002 Mode-Editorials und Portraits für namhafte Magazine. 2001-2005 Geschäftsführer und Bildbearbeiter der eigenen Postproduction „Foyer Digital“ für Kunden weltweit. Seit 2006 Fotostudio in Hamburg, international als Werbefotograf und im Editorial tätig.

 
Links:
   www.ilanhamra.com
   zum Onlineprofil
 

5 Kommentare

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  1. Moin Moin
    sehr treffend dieser Bericht. Zum einen herzlichen Glückwunsch, da spricht mir jemand aus der Seele, aber es ändert nichts an der Situation, man hat als Fotograf (Meister) – auch dieser Titel hat keine Bedeutung mehr in unserer Gesellschaft – keinen Rückenhalt der Innungen oder Vertreter von der HWK. Aber fleissig Beiträge bezahlen darf man, ohne das man eine Gegenleistung dafür bekommt. Eine schöne Woche noch Gruss aus dem Süden der Republik,
    D.Meyer

  2. Der Text trifft es auf den Punkt!!! Ich hoffe ihn liest auch der ein oder andere Auftraggeber..

  3. Dieser Text ist ein Volltreffer, das sage ich als “altgediente” Bildredakteurin und im Lette-Verein ausgebildete Fotografin. Aber ich muss leider feststellen, dass diese Werte zunehmend missachtet werden, und ich froh bin, nur noch 2 Jahre arbeiten zu müssen. Doch diese zwei Jahre wird sich mein Arbeitgeber damit abfinden müssen, dass mir Qualität und Nachhaltigkeit in der Fotografie wichtig bleiben!

  4. Sammy Hart

    Um zu verstehen, was sich in den letzten 13 Jahren entwickelt hat, muss man die ökonomischen Umstrukturierungen verstehen, die sich besonders in den Krisen Jahren seit 2002 entwickelt haben. Besonders die Unternehmensberatung McKinsey hat in Deutschland viele der grössten Verlage und Marken Firmen umstrukturiert. Es wurden Controller an den entscheidenden Stellen implantiert, die die Entscheidung von Kreativen ausser Kraft gesetzt haben. Jedes Jahr wurden die Budgets herunter gefahren und die Controller waren mit Provisionen an den Einsparungen beteiligt. Diese Mechanismen haben sich über die Jahre wie ein Krebsgeschwür ausgerechnet über eine Branche gelegt, die sich wirklich schlecht untereinander organisiert hat. Ungeschriebene Regeln konnten so reihenweise ausser Kraft gesetzt werden. Ich kannte Fotografen, die stark genug waren Aufträge unter immer schlechteren Bedingungen einfach abzulehnen. Nachdem allerdings Rücklagen verbraucht waren, mussten sie für die schlechteren Bedingungen wieder einsteigen oder ihren Beruf aufgeben. Die einzige Antwort auf den immer noch anhaltenden Optimierungswahn der Unternehmen muss die Organisation eines Berufsverbandes sein, der Alle, aber auch Alle unter einem Dach vereinen kann, ob das möglich ist, scheint fraglich, wäre aber die einzige Möglichkeit, die systemimmanenten Probleme zu lösen. Es werden mehr Bilder denn je gebraucht, aber die Diktatur der Ahnungslosen, die lediglich darauf achten im nächsten Quartal die Produktionen noch billiger zusammenzustellen, wird dazu führen, dass es noch schlimmer kommen wird, als es jetzt schon ist. Irgendwann ist dann ein Honorar von 200,00 € für einen Fotografen denkbar. In Berlin ist mir das bereits in vielen Fällen zu Ohren gekommen.

  5. Danke für diesen Artikel,

    es ist gut zu lesen, dass es neben “schneller und bunter” noch ein “nachhaltiger und überlegter” gibt.

    Ich sehe das ähnlich, auch wenn ich finde dass die ganzen jungen, ungelernten und spontanen Fotografen (die alles anders machen) nicht nur den Druck auf die eingesessenen und oft etwas eingestaubten Fotografen erhöhen, sondern auch ab und zu sehr schöne Trends entwickeln.

    Nicht alles was neu und ungelernt ist, ist schlecht. Aber das gilt anders rum genau so…

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