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Freies Art Buying. Kreativ und Kohle. Ein Artikel von Sabina Sanz.

Sabina Sanz arbeitet seit 17 Jahren deutschlandweit als freier Art Buyer und gibt regelmäßig Art-Buying-Seminare in Agenturen und Unternehmen. Im letzten Jahr schrieb sie für die BLICKFANG 2013/2014-Ausgabe (Band 6) den Artikel »Freies Art Buying. Kreativ und Kohle«, den wir euch nun auch online präsentieren.

 
FREIES ART BUYING. KREATIV UND KOHLE / von Sabina Sanz

Nach dem ich 10 Jahre als Art Buyer fest angestellt in verschiedenen, tollen Agenturen gearbeitet hatte, schossen plötzlich viele kleine, sehr kreative Werbeagenturen wie Pilze aus dem Boden. Oft waren die Inhaber ehemalige Kollegen, die sich plötzlich selbst um die Abwicklung von Fotoproduktionen und Ähnlichem kümmern mussten und manchmal einfach nicht mehr weiter wussten. Eine eigene Art-Buying-Abteilung wäre noch nicht ausgelastet und auch zu teuer gewesen. Da sah ich die Zeit gekommen, mich als freien Art Buyer selbständig zu machen. Das gab es vor über 15 Jahren so noch nicht wirklich.

Als Art Buyer muss man ja ohnehin äußerst flexibel sein und sich schnell auf vollkommen unterschiedliche Projekte und Wünsche der Kreativen einstellen können. Das empfinde ich als Freie noch extremer, weil man oft neue Kunden
hat und deren Budgets und Arbeitsweisen sowie die fotografischen Vorlieben noch nicht kennt. Manchmal wird man erst angerufen, wenn ein Projekt schon den Bach runterzugehen droht und sehr viel Zeit vertan wurde, so dass alles brandeilig ist. Dann wird man zum Troubleshooter.

Die Kunden verlassen sich darauf, dass man in allen Situationen weiß, was zu
tun ist, auch wenn der Fall noch so vermurkst ist. Zum Beispiel wenn mitten in einer internationalen Modeproduktion der Eyjafjallajökull-Vulkan ausbricht und durch die Aschewolke erst die Ware nicht rechtzeitig ankommt und dann die Modelle, das Fototeam und die Kunden wegen der Aschewolke nicht ein- oder ausfliegen können und die Frage aufkommt, wer die Zusatz- bzw. Ausfallkosten trägt oder ob es sich einfach um höhere Gewalt handelt. Manchmal ist man auch die Spaßbremse, wenn man einem netten, jungen Kreativen erklären muss, dass es wirklich nicht möglich ist, das religiöse Nationalheiligtum eines Landes für ein Shooting zu bekleben, einzuwickeln oder zu umhäkeln, auch wenn seine Idee noch so toll ist. Da erlebt man im Laufe der Jahre so allerlei.

Oft wird man auch „nur mal ganz kurz“ von seinen Kunden um eine rechtliche Auskunft gebeten, daher muss man auch auf diesem Gebiet sehr fit sein. Die Latte der rechtlichen Bestimmungen wie z. B. für Copyrights und Urheberrechte wird ja auch täglich länger.


Kunde: DPD / Fotograf: Michael Schnabel


Kunde: Lycra / Fotograf: Stephan Abry


Kunde: Mexx / Fotograf: Markus Pritzi


Kunde: Mexx / Fotografin: Beatrice Heydiri

Ganz aufgebracht verlangte ein Pariser Florist kürzlich Geld für Nutzungsrechte, da seine Blumenkreation im Hintergrund eines Fotos zu sehen war. Er sei ja schließlich auch ein Künstler, um nicht zu sagen ein Star.

Es gab auch mal die Frage, ob das Model das Kleid wieder anziehen muss, das zuvor kurz abgelegt und von einem vorbeigehenden Hund angepinkelt wurde (es war extra in den Farben des Produktes genäht worden und ein Einzelstück), oder das Shooting für diesen Tag zu Ende war.

Auch wer die entstandenen Ausfallkosten zahlen sollte, weil die angeblich zahme Eule, die als Hauptdarstellerin bei einem kombinierten Filmdreh/Shooting gebucht war, einfach wegflog und nie wiedergesehen wurde. Alle Teammitglieder, Models etc. standen dann unschlüssig im Wald. Es gab eine Zwangspause für alle, bis am nächsten Tag eine frische abgerichtete Eule aufgetrieben werden konnte.

In ganz verzwickten Fällen sollte man sich allerdings bei einem spezialisierten Rechtsanwalt absichern (bevor man mit Halbwissen um sich wirft). Es kann sonst unter Umständen ganz schön teuer werden. Fehler oder falsche Beratung werden Freelancern nicht verziehen, man wird dann natürlich nicht mehr gebucht. Eine zweite Chance gibt es dann meist auch nicht mehr.

An dieser Stelle möchte ich höflich darauf aufmerksam machen, dass es mit den allermeisten Jobs dann doch noch gut ausgegangen ist und die Kunden sehr nett sind. Die oben genannten Beispiele machen den Job aber etwas anschaulicher, als die hunderten von problemlosen Produktionen.

Dadurch, dass ich häufig Aufgaben der Produktion mitübernehmen muss, bin ich bei den Shootings und Reisen meistens ebenfalls vor Ort. Da lernt man die Arbeitsweisen der Fotografen gut kennen und kann die Kosten bei der Shooting-Abrechnung ganz genau nachvollziehen oder auch rechtzeitig auf die Bremse drücken, wenn jemand auf dem Set mal wieder eine kostenintensive „Extrawurst“ haben möchte. Der Umgang mit Fotografen und Agenten ist eigentlich locker und mit vielen im Laufe der Jahre auch wirklich freundschaftlich geworden. Deutsche Fotografen sind in allen Bereichen wirklich absolut Spitze und richtungsweisend. Die Zeiten, als man z. B. für Autoshootings unbedingt und fast zwangsläufig mit ausländischen Fotografen arbeiten musste, sind längst vorbei.

Leider muss man sich auch immer mal unbeliebt machen, denn für alle tausenden Fotografen hat man einfach keine Jobs. Außerdem verlangen die Kunden immer mehr Vergleichs-KVAs, was zur Folge hat, dass Fotografen oder Agenten zum Teil sehr, sehr zeitaufwendige Kalkulationen machen müssen (oft möchte der Kunde schon 6 Angebote pro Shooting) und der Art Buyer dann logischerweise den meisten den Job absagen muss. Das gehört auch zum Tagesgeschäft. Man kann in diesem Job nicht Everybody’s Darling sein und muss auch die unangenehmeren Dinge für alle Seiten fair zu Ende bringen.

Generell ist natürlich das oberste Gebot für einen Art Buyer, stets mit weit offenen Augen durchs Leben zu gehen und sehr vielseitig interessiert zu sein. Natürlich muss man überall gute Kontakte haben und ein gutes visuelles Gedächtnis, das ist ja sowieso das A und O. Sehr wichtig ist mir aber auch der Ausgleich. Hin und wieder leide ich dann auch mal unter „Reizüberflutung“ und kann dann für einige Tage keine Fotos, Zeitschriften etc. mehr sehen. Dann fahre ich mit meiner alten Vespa am Wochenende an der Ostseeküste entlang und bekomme wieder einen freien Kopf für die nächsten Projekte. Man weiß ja als freier Art Buyer nie, wer oder was einen so am nächsten Tag erwartet. Langweilig wird es aber bestimmt nicht!


Kunde: Lexware / Fotograf: Arthur Mebius


Kunde: Wempe / Fotograf: Marek Straszweski


Kunde: Lexware / Fotograf: Sven Glage


Kunde: Idealo / Fotograf: Rainer Elstermann
 

Zur Person:
Sabina Sanz lebt in Hamburg und arbeitet seit 16 Jahren deutschlandweit als freier Art Buyer. Vor nun mehr 4 Jahren gründete sie zudem mit einigen Branchengrößen die Boost Seminar Group und gibt regelmäßig Art-Buying-Seminare in Agenturen und Unternehmen. Den Job lernte sie von der Pike auf von einer Fotografin bei Lintas Hamburg. Danach war sie 5 Jahre bei Springer & Jacoby tätig und wechselte im Anschluß als Fotoredakteurin zu der Zeitschrift Tempo. Bevor sie sich selbstständig machte, hat sie als Art Buyer bei Jung von Matt Hamburg gearbeitet.

 
Links:
   www.sabinasanz.de
   www.boost-seminare.de
 

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