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Hubertus Hamm und der Glaube an die Fotografie

Im vergangenen Jahr steuerte der Münchener Fotograf Hubertus Hamm zur BLICKFANG 2013/2014-Ausgabe den Artikel »Der Glaube an die Fotografie« bei, den wir euch nun auch an dieser Stelle präsentieren. Wir wünschen viel Spaß beim lesen!

 
DER GLAUBE AN DIE FOTOGRAFIE / von Hubertus Hamm

Ich glaube an die Fotografie und an all die Möglichkeiten, die noch kommen werden. Für mich ist sie unterwegs in eine enorme Erweiterung. Da sind wir mittendrin. Es ist wie ein riesiger Wirbel durch die Möglichkeiten der Technik, die sich rasant entwickelt hat, allein was heute die Menge an Fotografen und die Menge an Verbreitungsmöglichkeiten betrifft. Eine solche Entwicklung, wie es der Fotografie in den letzten 10 Jahren passiert ist, gab es bisher in keinem anderen künstlerischen Metier. Die Menge an Bildern, die heute jeder tagtäglich ansieht und ansehen muss, ist unglaublich angewachsen. Teilweise hat das Bild die Sprache in unserem Miteinander überholt. Ganz klar setzen Bilder, wie etwa die aus Abu Ghraib, ganz eigene ethische Reflexe und sagen, wie das Sprichwort weiß, mehr als tausend Worte. Was dies für eine Kultur bedeutet, deren Orientierung sich im wesentlichen noch an der in gewichtigen Büchern überlieferten Sprache (Gesetze, Ethik, Religion) orientiert, wird sich zeigen.

Für den Fotografen aber ist in diesem Wandel eine Einsamkeit, eine Orientierungslosigkeit entstanden. Was soll, was kann er tun, um in dieser Fülle gesehen zu werden? Die eine Möglichkeit ist die der Spezialisierung. Aber es besteht auch eine Gefahr: das die Spezialisierung vom Fortschritt überholt und aussortiert wird. Meine Entscheidung ist hier offen zu bleiben, hineingehen, aber sich nicht einschränken, sprich übermäßig zu spezialisieren.



Viel interessanter ist jedoch angesichts der unfassbaren Menge an Bildern die Frage nach der Qualität. Warum sind bestimmte Arbeiten große, treffende Bilder? Wie kommt man dahin? Wo liegt in dieser Situation die Chance, vielleicht die Zukunft der Fotografie? Allein schon die bloße Menge an Bilder und Fotografen kann ein enormes Potential haben. Wenn sich so viele Menschen mit einem Thema beschäftigen, dann muss eine Entwicklung stattfinden. Das sie den Einzelnen unter uns auch ratlos machen kann, ich glaube, dass kennt jeder. Aber genau da liegt eben auch die Chance, denn diese Ratlosigkeit stellt auch eine Art von Energie da, noch tiefer und intensiver zu gehen. Sie ist eine Art Bedingung, die zwar manches Mal verzweifeln lässt, aber die in diesem Zweifel die Möglichkeit enthält in Bereiche gehen zu können und zu müssen, die sonst unter der Bequemlichkeit des Alltags verborgen sind. Ja, das ist und kann sehr unbequem sein. Aber da deckt es sich mit der Situation, in der alle Pioniere auf einem Gebiet sich befinden: Einerseits angetrieben zu sein von einer Idee, aber noch nicht oder gar nicht zu wissen, wie sie sich realisieren könnte. Diese Situation haben wir heute in der Fotografie. Neu ist, dass sie jeden betrifft und nicht mehr Einzelne, die aus sich selbst heraus einer „Vision“ folgen. Im Moment sind wir alle irgendwie gezwungen in Grenzbereiche zu gehen. Für mich bedeutet dies, sich viel weiter ins Subjektive vorwagen zu müssen, als es mir bisher denkbar gewesen ist, mit all dem Risiko und der Einsamkeit, die dort liegt und die sicher alle Pioniere haben überwinden müssen. Und wir sind wieder viel näher am Scheitern als in den Jahren, in denen es den Fotografen gut und bequem ging. In der Fotografie ist scheitern visuell: nicht mehr gesehen zu werden, Unsichtbarkeit und das kann über den Beruf hinaus etwas sehr Einschneidendes sein. Positiv formuliert: viel Motivation.





Zu dieser Situation also wenige persönliche Sätze (alles andere wurde bei der Menge an Fotografen sicher schon geschrieben). Für mich selbst war es wichtig und das ist ziemlich am Anfang meiner Karriere passiert, Fotografie als das Herstellen von Objekten zu verstehen. Im Falle der Werbung sind das Vorobjekte, die dem potentiellen Käufer das angebotene Objekt so nah bringen sollen, dass er es kauft. Damit hatte ich für mich ein internes Qualitätsmerkmal für meine Arbeiten gefunden. Im Falle der Kunst gibt es dadurch für mich keine Grenze mehr zwischen der Fotografie im engeren Sinne als Ablichtung im Zweidimensionalen und fotografischen Objekten. Das Denken in Objekten hat mir selbst an vielen Stellen Freiheit ermöglicht, zugleich aber bedeutet es auch eine Richtung der Ästhetik, eine Position innerhalb der unendlich scheinenden Möglichkeiten, also Orientierung. Viele Arbeiten sind heute bis ins Detail geplante Abläufe. Der fotografische Moment ist in diesen Situationen auf ein Minimum reduziert. Der fotografische Moment ist jener Bereich, in dem die Persönlichkeit und die Fähigkeiten eines Fotografen einen Platz haben, und die innerhalb einer minutiösen Planung den Freiraum darstellen, den nur der Fotograf mit seiner Subjektivität, bestehend aus all seiner Ausbildung, Erfahrung und künstlerischer Intuition, wird ausfüllen können. Diesen Platz sollten wir wieder vergrößern, also den eigentlichen Bereich des Fotografen. Dort liegt für mich die Möglichkeit des Ungesehenen und das Zentrum der heutigen Auseinandersetzung: in der Menge an Bildern, in diesen ungeheuren Möglichkeiten des Details die Offenheit zu menschlichen Handeln mit künstlerischem Ungeplanten zu lassen, ja noch mehr, sie wieder viel weiter zu öffnen.

Zur Person:
Fotografie als Auftrag und Kunst. Zwei Seiten einer Medaille, die Hubertus Hamm wie kein Zweiter prägt. 1950 in Westfalen geboren, betreibt er seit 1975 ein eigenes Atelier in München. Als einer der renommiertesten deutschen Fotografen arbeitet er für internationale Unternehmen und stilbildende Verlage. Er ist Herausgeber eines zyklischen Magazins, Lehrbeauftragter der LMU München, Initiator der Kunstplattform Headegg und Mitglied vieler Vereinigungen wie dem ADC oder dem AOP. Die Liste seiner Auszeichnungen ist ebenso lang wie bedeutend. Zahlreiche Einzelausstellungen in Galerien und Museen von München über Los Angeles bis Shanghai zeigen seine Arbeiten. Seine Fotos erfüllen die höchsten Ansprüche.

 
Links:
   www.hubertushamm.de
   www.double-t-photographers.com
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