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»Haptik und Herzblut« von Markus Mueller

Für die BLICKFANG 2013/2014-Ausgabe hat der Fotograf Markus Mueller den wunderbaren Artikel »Haptik und Herzblut« verfasst, den wir euch an dieser Stelle nicht vorenthalten möchten. Viel Spaß beim lesen!

 
HAPTIK UND HERZBLUT / von Markus Mueller

Als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, ein Vorwort bzw. einen Artikel für die BLICKFANG 2013/2014-Ausgabe zu schreiben, habe ich mich gefreut. Ich empfand das als eine nette Geste. Und es schien mir eine ganz interessante Abwechslung, mal mit etwas Abstand über die eigene Arbeit nachzudenken. Ich fing also an, mir Notizen zu machen, über die Fotografie und über den Blickfang selbst. Und dabei kam ich immer wieder ins Stocken. Eine gedruckte Sammlung von Fotografen wirkt fast archaisch, wenn man sie mit dem eigenen Arbeitsalltag vergleicht, der ja extrem dynamisch ist. Ich musste mir also erst darüber klar werden, für welche Art von Medium ich hier ein Vorwort verfasse. Ein Jahrbuch. Ein riesiger, statischer Katalog. Und das, obwohl das Tagesgeschäft längst digital, schnell und extrem wandelbar geworden ist? Den organisatorischen Papierkrieg früherer Tage wünsche ich mir jedenfalls nicht zurück, auch wenn ich mich an Präsentationen auf iPad-Screens noch ein bisschen gewöhnen muss.

Der Fotografie selbst hat Digitalisierung auch nicht geschadet. Gerade junge Fotografen können sich heute darauf konzentrieren, gute Bilder zu machen, anstatt sich mit handwerklichen Fragen aufzuhalten. Technische Details treten in den Hintergrund. Wer sich von der Masse abheben will, braucht vor allem Kreativität. Insgesamt eine gute Entwicklung, meiner Meinung nach. Mir war also nicht ganz klar, was der Sinn eines so durch und durch analogen Mediums wie den Blickfang-Büchern ist.

Und dann habe ich das letzte Jahrbuch in die Hände genommen. Ich fing an, es durchzublättern. Und es fühlte sich irgendwie gut an. Samtig. Guter Druck, gute Farben. Schöne Haptik. Auch die Bilder gefielen mir ganz gut. Die Qualität stimmte. Es ist immer interessant zu sehen, mit welchen Arbeiten sich andere Künstler präsentieren. Einige der Bilder weckten meine Aufmerksamkeit. Bei diesen Fotos hatte jemand mehr gemacht als reine Funktionsfotografie. Jemand hatte etwas Bleibendes geschaffen.

Darum geht es für mich bei Fotografie: Etwas Beständiges zu schaffen. Die eigene Sprache zu finden.

Es geht darum, Geschichten zu erzählen, die zeitlos sind. Und ein gedrucktes Bild, gute Farben auf gutem Papier – das unterstreicht diese Zeitlosigkeit zusätzlich. Wenn man so ein Bild in den Händen hält, merkt man: Dafür hat sich jemand Gedanken gemacht, über sich selbst und über seine Arbeit. Und er hat am Ende ein Foto ausgewählt, in dem er seine eigenen Ansprüche erfüllt sieht. Online passiert das seltener, man lädt im Zweifelsfall ja lieber zu viel hoch, als zu wenig. Kostet ja nichts. Bei einem wertigen Druck ist das anders. Man erinnert sich daran, wo die Fotografie herkommt. Und dass sie – von der Idee bis zur fertigen Umsetzung – viele verschiedene Fähigkeiten in sich vereint.




Diese Mischung aus Handwerk und Kreativität ist es auch, was eine gedruckte Sammlung zu etwas Besonderem macht. Man muss sich beim Aussuchen der Bilder damit auseinandersetzen, wie der eigene Stil aussieht. Und wohin er sich entwickeln soll. Die eigene Bildsprache zu finden, ist ja besonders für junge Künstler eine große Hürde. Dank der Digitalfotografie hat man viel mehr Möglichkeiten sich auszuprobieren, aber man verliert sich darin eben auch schnell. Spätestens seit Photoshop ausgereift ist, kann ja jeder eigentlich alles – zumindest theoretisch. Da kann es hilfreich sein, den eigenen Stil mal auf ein paar wenige aussagekräftige Bilder runter zu kochen.

Wer authentisch ist, Herzblut in seine Fotos steckt und voll hinter dem eigenen Stil steht, der schafft es auch, diesen Stil im Tagesgeschäft der Auftragsfotografie zu bewahren.

Wer hingegen gar nicht weiß, wer er als Künstler und Fotograf eigentlich sein will, verirrt sich leicht. Dann werden die eigenen Bilder austauschbar. So ein aufwendig gemachter Band wie BLICKFANG, in dem man den eigenen Stil auf ein paar wenige Seiten konzentrieren muss, kann auch ein Statement gegen diese Austauschbarkeit und Beliebigkeit sein.

Und wenn man auf diese Weise über Bilder nachdenkt, wird einem auch immer wieder klar, was Fotografie eigentlich ist. Es geht nicht nur darum, irgendein Ding möglichst ordentlich in ein Rechteck hinein zu setzen. Es geht darum, Ideen oder Fantasien in Leuten zu wecken. Und es gibt keine Regeln, wie das genau passieren soll. Mir geht es bei meiner Arbeit um Tiefe, um Mystik. Ich will mir den eigenen Humor bewahren, aber den Betrachtern auch Assoziationsfreiheit lassen. Jeder soll seine eigenen Schlüsse ziehen können. Eine Stimmung kann mehr transportieren, als ein ganzer Essay. Ich möchte Leute auf eine Entdeckungsreise schicken. Das sind einige meiner Ansätze. Es gibt unendlich viele andere.





Leute nehmen Dinge mit ihren Augen war und denken darüber nach, was sie sehen. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Als Fotograf kann man sich in diese Kette einklinken. Wer einfach nur einheitliche Looks und Filter auf ein Motiv legt, bekommt auch einheitliche Gedanken. Aber Bilder können viel mehr! Man kann Menschen an Orte schicken, die sie nie wirklich betreten werden. Man kann sie Personen treffen lassen, die sie nie tatsächlich treffen werden. Es geht darum, Gedanken zu gestalten. Um Kreativität. Das ist, was ein Fotograf macht. Ich glaube, wer diesen Ablauf verstanden hat, hat auch Fotografie verstanden. Zumindest ein bisschen.

Und genau darum mache ich mir auch überhaupt keine Sorgen um den Beruf. Ein Fotograf ist darauf spezialisiert, mit Bildern Ideen und Gedanken zu wecken. Und Gedanken wecken wird nie out sein.

Zur Person:
Markus Mueller, geboren 1976, kommt ursprünglich aus Dresden. Vor der Fotografie führte ihn sein Weg zunächst zu den Geisteswissenschaften. Er ist studierter Geschichts- und Politikwissenschaftler, doch neben der Arbeit mit Texten entdeckte er seine Liebe für Bilder. Schließlich ließ er die graue Theorie ganz hinter sich und konzentrierte sich auf die Fotografie. Nach Assistenzen bei verschiedenen Fotografen ging er zum Berliner Lette-Verein, wo er 2003 seinen Abschluss machte. Seitdem lebt und arbeitet Markus Mueller in der Hauptstadt, die er auch als Sitz für sein Büro wählte. Immer trifft man ihn dort aber nicht: Er reist leidenschaftlich gerne und bekommt, dank seiner großen Erfahrung im Werbebereich, viel Gelegenheit dazu.

 
Links:
   www.m-mueller.org
   www.kaitietz.de
   zum Onlineprofil
 

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