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»Wie es mir scheint« von Peter Hönnemann

Mit großer Freude präsentieren wir euch an dieser Stelle nun den Artikel »Wie es mir scheint«, den der in Hamburg und Paris lebende Fotograf Peter Hönnemann für die aktuelle BLICKFANG 2013/2014-Ausgabe verfasst hat. Lesen lohnt sich, viel Spaß dabei!

 
WIE ES MIR SCHEINT / von Peter Hönnemann

Sehen Sie was Sie sehen? Sehen wir was Sie sehen? Sehen wir was wir sehen? Sehen wir was kommt? Sind Sie da?
Ja? Gut … denn nur so macht es Sinn.

Louise Bourgeois meinte einmal: „Es mangelt an Aufmerksamkeit und Aner-kennung“. Das ist nicht besser geworden. Ich mag Künstler, Poeten und ihre Zitate. Ich hoffe, Sie auch, denn im Folgenden werden Sie noch des öfteren meinen Lieblingen begegnen.

Ohne das Kommen gibt es keine Zukunft – das war seit je her so.
Nun, ich hoffe, dass wir außergewöhnliche, tolle Bilder zu sehen bekommen!
Was wir sehen, ist eine Frage des Bewusstseins. Was empfinden wir als begehrenswert, was macht uns neugierig, was berührt uns und was bleibt?
„Kunst ist nicht was du siehst, sondern die Anderen sehen lässt!“, hat Degas gesagt – natürlich auf Französisch; „There is more to the picture, than meets the eye“, singt Neil Young im Song „Out of the Blue and into the Black“. Stimmt!
Das „Mehr“ im Bild ist so etwas wie der rosa Elefant, der im Raum steht und nur einer kann ihn sehen. Oder alle sehen ihn und tun so, als wäre er nicht da. Das wäre dann so, wie in „Des Kaisers neue Kleider“.

Ich bin Fotograf und damit der Regisseur des Bildes. Stimmen muss nur das Konzept – und hoffentlich auch das Geld. Because love doesn’t pay me the rent.



Manchmal, wenn es gerade richtig gut läuft, frage ich mich, welche Macht tatsächlich die Regie übernommen hat. Apoll, Dionysos, Aphrodite? Die Götter? Vielleicht ein Engel oder ein Dämon? Womöglich sind es alle zusammen. Ich bin es dann in diesem Moment wohl nicht. Ich weiß manchmal gar nicht, woher die Bilder kommen. Wenn ich das nur wüsste, würde ich es immer so machen. Aber ich bin glücklich, dass ich wohl doch meinen Anteil daran habe. Es ist so wunderbar, wenn ich mich selbst überraschen kann. Wenn ein aufregendes, nie gesehenes Bild, eins nach dem anderen aus dem Nichts entsteht.

Frank Lloyd Wright schrieb „Raum ist der Atem der Kunst“. Ich sage: Ein Quadratmeter kann ein Tanzsaal sein. Und so tanze ich … auch manchmal über das Quadrat hinaus.

Aber wie sollen Sensationen entstehen, wenn wir unter dem Zwang leiden, immer alles unter Kontrolle haben zu müssen und alles begreifen zu wollen? Natürlich muss die Technik funktionieren, das ist dann auch schon alles. Aber auch die ist ja nicht perfekt – Ooh là là, die Technik lebt. Das menschliche Streben nach Vollkommenheit ist nachvollziehbar. Ein ewiger Traum. Aber dieser ständige Anspruch an den Perfektionismus? Das hat etwas Inflationäres. „There is a crack in everything. That’s how the light get’s in“, singt der alterweise Leonhard Cohen – wohl wahr! Ich wundere mich darüber, dass eine der schlichtesten Einsichten fast in Vergessenheit geraten ist: Nobody is perfect. Die Sicht auf die Schönheit der Unvollkommenheit verändert unser ästhetisches Ideal. Das Buch „Lob des Schattens“ von Tanizaki Jun’ichrō kann ich nur empfehlen. Ein japanisches Meisterwerk, wie ich finde. Darin geht es um das Erkennen der Schönheit in der Dunkelheit, das Licht des Goldes in der Nacht, die Magie und das Geheimnis des Schattens. Dem Zusammenhang von Schönem und Hässlichen.

Ich sage: Wir sollten unsere Schatten küssen! Geheimnisse, wie auch Originale sind selten geworden. Dennoch sehnen wir uns danach. Sie sterben aus, so scheint es. Es wird geklaut und spioniert. Kopien von Kopien von Kopien werden kopiert. Ad Infinitum. In der Musik nennt man das Cover. Wenn sie aber für sich selber stehen, wenn sie eigenständig sind, gibt es sogar einige, die noch besser und bekannter sind als das Original. Nur dann haben sie für mich einen Wert. Es ist nichts Falsches daran, auf Gutes und Bewährtes zu setzten, aber warum so viele Wiederholungen des ewig Gleichen? So kommen wir nicht voran. Neuland gewinnt man nur dann, wenn man sich traut, das Festland aus den Augen zu verlieren. Es gibt keinen Mut ohne Risiko.

Weitermachen, immer weitermachen, das ist das ganze Geheimnis. Es kommt einfach nur auf die richtige Zubereitung, die Mischung und Dosierung der Zutaten an. Genauso wie beim Kochen. Guter Geschmack sei eine kalte Sache und eine unsaubere noch dazu, bemerkt Ryokuus im Lob des Schattens. Die Defloration der Dinge führt stets auch zu einer Verschmutzung. Gleichzeitig ist das aber auch genau das Geile!


Manche Dinge altern schön, manche altern nur.
Wir hinterlassen Spuren und verändern, indem wir berühren. Dann sind die Dinge nicht mehr makellos, bekommen dafür eine andere, eine ganz besondere Schönheit. Die Schönheit des Schattens, würde ich es nennen.

Warum nicht der Kraft des Lebens selbst vertrauen?
Mir geht es darum, diesen Freiraum zuzulassen. Die Verantwortung dafür trage ich, avec plaisir.

Francis Bacon sagte einmal, man muss das Spiel intensivieren, um überhaupt gut darin zu sein. Man sollte immer das Geilste machen, sagt mein Freund Jonathan Meese. Recht haben beide.

Stellt euch doch nur einmal vor, alles wäre anders. Oder zumindest anders herum. Embrace the difference. Nur mal so zur Übung, so wie es Buñuel oder Baselitz vorgemacht haben. Einfach mal die Vernunft über Bord werfen. Weg damit! Keine Angst, sie kommt schon wieder. Ihr könnt euch drauf verlassen. Und wenn nicht: FUCK, shit happens!
Es genügt aber nicht sich vorzustellen, wie es in der neuen Welt sein wird. Wir müssen uns auch selbst darin sehen.

Ich hoffe, ich habe mich gut verständlich ausgedrückt. Wenn nicht, denkt bitte daran, dass man auch einfach mal etwas unerklärt stehen lassen kann, es reicht doch, wenn man es liebt – so liebt, wie es ist.
Beuys sagte „ … und tanze so viel wie möglich.“ Ich sage: Aber bitte nicht allein.
 

Zur Person:
Peter Hönnemann lebt in Hamburg und Paris. Seine Fotos wurden in Blättern wie der Vanity Fair, der italienischen VOGUE, dem Zeit Magazin und vielen anderen veröffentlicht. Er begann seine Karriere Ende der Achtziger als junger Modefotograf in Paris und wurde schnell zum Shooting Star – er schoss Kampagnen, etwa für Dior und Valentino. Zu seinen derzeitigen Werbekunden zählen die Deutsche Bank, Cortal Consors, Air France, Amercian Express, Vichy und andere. Seit den Neunzigern widmet er sich mehr und mehr der Portraitfotografie: Willem Dafoe, Carla Bruni, Christoph Waltz, Michael Gorbatschov standen vor seiner Kamera, ebenso wie Bill Gates und der Dalai Lama. Die Portraitfotografie ging fast natürlicherweise in die Art Photography über – er schlägt eine Brücke, ein Crossover zwischen den Disziplinen Fashion, Art und Portrait, das ihn bis heute fasziniert. Seine Arbeit „24 Stunden mit Jonathan Meese“ wurde im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt.

 
Links:
   www.peter-hoennemann.com
   zum Onlineprofil
 

2 Kommentare

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  1. Klasse!

  2. Lieblingsstelle: “Einfach mal die Vernunft über Bord werfen. Weg damit! Keine Angst, sie kommt schon wieder. Ihr könnt euch drauf verlassen. Und wenn nicht: FUCK, shit happens!” ;-) Grandios!

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