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Interview: Im Gespräch mit Monica Menez

Unsere Interviewreihe startet in die nächste Runde. Diesmal hatten wir das Vergnügen mit der Fotografin und Regisseurin Monica Menez aus Stuttgart sprechen zu können.

Monica, geboren 1971, ist Fotografin und Regisseurin von Fashion Filmen. Nach ihrer Lehre bei einem Werbefotografen und einer kurzen Assistenzzeit arbeitete sie als Pressefotografin bis sie ihre Liebe zur inszenierten Fotografie entdeckte. Seit 2010 dreht sie auch Fashion Filme.

Monica, wie bist Du überhaupt zur Fotografie gekommen?
Styling und Mode haben mich schon seit meiner Kindheit interessiert, irgendwann war der Wunsch aber so groß, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern selber zu gestalten und mich in diesem Bereich kreativ zu betätigen. Ich habe eine Weile nach entsprechenden Ausdrucksmöglichkeiten gesucht und verschiedene Sachen wie Tanz, Graphik und Modedesign ausprobiert. Mit Hilfe von Fotografie und Film kann ich meine Ideen aber am besten umsetzen, weil hier die Kombination unterschiedlicher kreativer Zugänge möglich ist: Ausdruck und Bewegung, Styling, Make-up, Mode … Fotografie habe ich von der Pike auf gelernt: Ich habe eine abgeschlossene Berufsausbildung zur Fotografin, habe Assistenzen bei diversen Werbefotografen gemacht und dann den Schritt in die Selbständigkeit gewagt.



Dein Fokus liegt auf den Bereichen Fashion und Art. Weshalb?
Fashion-Fotografie hat mich schon immer interessiert, aber ich sehe mich nicht als typische Fashion-Fotografin. Ich bin wahrscheinlich auch keine typische Kunst-Fotografin, auch wenn ich immer versuche, eine neuartige Perspektive oder neuartige Blickwinkel auf typische Situationen zu vermitteln. Meine wahre Liebe ist die inszenierte Fotografie: Geschichten erzählen mit Hilfe von Gestaltungsmitteln aus den unterschiedlichsten Kreativ-Bereichen.

Wie würdest Du selbst Deinen Stil beschreiben?
Ich versuche in meinen Fotografien und Filmen, herkömmliche Erwartungen in positiver Weise zu enttäuschen. Durch eine Art der Inszenierung des Unerwarteten, die durchaus sexy und humorvoll umgesetzt werden darf.

Was zeichnet Deiner Meinung nach ein herausragendes Foto aus?
Ich bin ein Bilderverschlinger, d. h. ich sichte permanent Fotografien – alte Fotos, neue Fotos, in Büchern, Magazinen oder im Internet. In meinem Kopf ist das wie eine Art Daumenkino, ein ganz schnelles Überfliegen und Weiterblättern zum nächsten Bild. Es kommt vor, das ein einzelnes Bild nicht passt, sich nicht in das Daumenkino der Bilder hineinfügt, z. B. weil es eine ungewöhnliche Farb- oder Bildkomposition aufweist, der Anschnitt seltsam ist oder die Idee einfach ungewöhnlich ist – das sind die herausragenden Bilder, die sich aus der Masse an Ähnlichkeiten abheben.

Spielt der Zufall bei Deinen Arbeiten überhaupt eine Rolle oder ist immer alles akribisch geplant?
Beides ist wichtig: Der Zufall beim Finden der Idee und eine gute Planung bei ihrer Umsetzung. Eine akribische Planung wird bei meinen Fotos und Filmen grundsätzlich dann wichtig, wenn meine Idee im Kopf steht und ich die anderen Mitstreiter (z.B. Kundin, Agentur, Stylistin, Visagistin …) davon überzeugen muss. Überzeugungsarbeit ist Knochenarbeit, lässt aber wiederum Raum für das kreative Sich-Einbringen des Teams. Foto und Film unterscheiden sich dennoch stark in der Umsetzung: Die Fotografie ermöglicht viel mehr Raum für Improvisation und Spontaneität, während beim Film der Zufall prinzipiell nicht erwünscht ist – dank eines Storyboards, das die genauen Szenen beschreibt und einen strukturierten Ablauf gewährleistet.



Wie bereitest Du Dich auf ein Shooting vor?
Bei einem freien Shooting ist eine wirklich gute Idee der Knackpunkt. Ohne überzeugende Idee sollte man freie Sachen nicht angehen. Rein technisch betrachtet läuft die Vorbereitung so ab: Zunächst die Zusammenstellung von „Moodboards“ mittels Bildmaterial, das meiner Idee vom „Look“ her sehr nahekommt. Dann Diskussion im Team, meistens zunächst mit Stylistin und Visagistin, Weiterentwicklung und Anpassung der ursprünglichen Idee, Umsetzung, fertig!

Was inspiriert Dich?
Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Mal ist es eine Musik oder ein Kleidungsstück, das mich zu einer Strecke inspiriert. Bei „Secretary Cat“ war es die in der Fotostrecke verwendete grüne Bluse, die ich bei Ebay gefunden habe. Sie wurde dort mit der Beschreibung „Vintage sexy Secretary Blouse“ angepriesen und als ich sie sah, hatte ich gleich Bildideen im Kopf. Besonders stark werde ich von Musik inspiriert – seltsamer, stranger Musik wie z.B. von Florence Foster Jenkins oder Tiny Tim. Mein Film hors-d’œuvre wurde durch Tango-Musik im Mexicana-Style inspiriert, bei deren Hören ich eine Assoziation zu einem von der Decke hängenden Schinken entwickelt habe – warum auch immer.

Du bist auch im Filmbereich aktiv. Wie ist es dazu gekommen und wie unterscheidet sich die Arbeit im Vergleich zur Fotografie?
Eigentlich hatte ich nie die Absicht, Filme zu drehen. Bis ich an einer Foto-Idee – im Nachhinein „glücklich“ – gescheitert bin. Denn „Precious“, mein erster Fashion Film, war ursprünglich als Fotostrecke geplant. Über eineinhalb Jahre lang habe ich versucht, diese Idee fotografisch umzusetzen. Bis ich dann endlich nach dem sechsten unbefriedigenden Fotoshooting merkte, das die fotografische Umsetzung meiner Idee nicht möglich ist. Also habe ich den Schritt gewagt und mich dazu entschieden, die Geschichte zu verfilmen. Es war anfangs ungewohnt für mich, mit einem Kameramann zu arbeiten und nicht selbst hinter der Kamera zu stehen. Mittlerweile genieße ich es, Regie zu führen. Der große Unterschied zwischen Fotografie und Film ist neben den oben schon angesprochenen Freiheitsgraden die Arbeit mit einem größeren Team – und alles ist aufwendiger und kostspieliger.

Welchen Stellenwert haben freie Arbeiten für Dich?
Freie Arbeiten sind im Hinblick auf kommerzielle Arbeiten so wichtig wie die Saat vor der Ernte und im Hinblick auf die Psyche des Fotografen ähnlich wichtig wie die Betty-Ford-Klinik für manche Schauspieler.

Im Laufe der Zeit hast Du bereits etliche Projekte und Jobs realisiert. Gibt es Arbeiten, auf die Du besonders stolz bist oder mit denen Du ganz besondere Erinnerungen verbindest?
Es gibt einen reichen Fundus an Arbeiten, netten Erinnerungen und lustigen Geschichten, aber nach wie vor ein Highlight in kreativ-künstlerischer Hinsicht waren die Image-Kampagnen für das Modelabel Blutsgeschwister. Ich konnte dort die komplette Bildsprache entwickeln und die Ideen und Shootings waren teilweise so verrückt, dass ich bis heute nicht glauben kann, wie viel Freiraum mir das Label eingeräumt hat. Besonders stolz bin ich auf meinen Film „hors d’oeuvre“, mit dem ich in Paris beim „A Shaded View of Fashion Film“ Festival (initiiert von der berühmten Modebloggerin Diane Pernet) mit dem Preis für „Best Art Direction“ ausgezeichnet wurde. Der Film wurde mittlerweile auf unzähligen Festivals rund um den Globus gezeigt, u. a. beim New York Fashion Film Festival.


Was schätzst Du an Deinem Beruf und gibt es auch einen Part, auf den Du gerne verzichten könntest?
Ich habe das Glück meine Leidenschaft zum Beruf machen zu können und ich liebe es mit meinem Team zu arbeiten und zu reisen – daraus haben sich echte Freundschaften entwickelt. Daher möchte ich mich nicht über den alltäglichen Bürokram beschweren, auf den ich gelegentlich gerne verzichten könnte. Was mir allerdings manchmal das Herz bricht, ist der Abbau noch einem aufwendigen Shooting – ganze Sets, die in tagelanger Arbeit errichtet wurden, landen dann in Einzelteilen im Müllcontainer, wie das Set von „hors d’oeuvre“.

Gibt es aktuell Kollegen, speziell aus Deutschland, deren Arbeiten Du für herausragend, innovativ oder einfach für besonders gelungen halten?
Ich liebe die Arbeiten von Peter Franck. Seine Bilder sind sexy und strange – und es sind Farbaufahmen! S/W Fotografie ist dagegen nicht so mein Ding …

Du arbeitest weltweit, Deine Basis ist in Stuttgart. Weshalb und was schätzst Du an der Stadt sowohl beruflich als auch privat?
Stuttgart ist meine Homebase und mein Ruhepol. Die Stadt ist „großstädtisch” überschaubar und nicht hektisch, aber geschäftig. Leider werden die Stuttgarter unterschätzt und das ärgert mich. Es gibt ‘ne Menge sehr kreativer Leute hier.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Links:
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  1. browserFruits Oktober #3 › kwerfeldein - Fotografie Magazin

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